Erwachsen werden

Seit über 30 Jahren sind Videospiele, Computerspiele, elektronische Spiele Teil unseres Alltages. Früher nur eine typische Beschäftigung für Jugendliche, die zuerst in Spielhallen abhingen, dann später ihre Konsole oder den „Brotkasten“ zu Hause stehen hatten. Computerspiele waren in der Wahrnehmung der Öffenttlichkeit und im Selbstverständnis der Branche etwas für Kinder und Jugendliche. Etwas, dass diese Kinder und Jugendlichen selbstverständlich hinter sich lassen, wenn sie älter werden.

Nun, Comics sind seit einer geraumen Weile in der Erwachsenenwelt angekommen. Es gibt dedizierte Comics für ein erwachsenes Lesepublikum, Comics werden in Kunsthallen ausgestellt, Comics sind mittlerweile (hauptsächlich ausserhalb der Grenzen des deutschen Sprachraumes) Teil der öffentlich anerkannten „Kultur“ geworden. Und zwar nicht, weil „man“ dies eines Tages so beschlossen hat, sondern weil Kinder und Jugendliche im Laufe der Zeit NICHT aufgehört haben Comics zu lesen, sondern dies natürlich und selbstverständlich auch als Erwachsene weiterhin getan haben.

Die selbe Entwicklung, etwa 10-15 Jahre versetzt nach meiner Wahrnehmung, erleben nun Computerspiele. Mittlerweile hat es sich zumindest hier und da herumgesprochen, dass Computerspieler im Durchschnitt keine Kinder mehr sind. Angeblich ist der durchschnittliche Computerspieler etwa 30 Jahre alt. Diesem Fakt kann sich auch das etablierte Feuilleton, die erhabenen Wächter über Kunst und Kultur nicht länger entziehen. Bei Telepolis gibt es hierzu einen sehr interessanten Artikel.

Interessant hierbei auch die Erwähnung, dass die sog. Spielepresse natürlich auch „erwachsen“ werden muss. Spielekritik sollte nicht länger in der Wertungshölle der typischen 100%-Skala verharren, sondern wirklich eine Kritik, eine Beschäftigung mit dem Spiel und dem Medium werden, anstatt sich nur auf schlichte Kaufempfehlungen mit Stiftung Warentest-Charme zu beschränken, deren angebliche Objektivität auf Grund etlicher Vorfälle in der Vergangenheit immer öfter angezweifelt wird. Dass die Spielepresse (online wie print) immer mehr zum verlängerten Arm der Marketingabteilungen der Publisher wird, ist ja nichts mehr neues.

Jetzt ist es natürlich ein leichtes, auf die phöse, phöse Presse zu schimpfen. Habe ich früher auch gemacht. Ohne große Gewissenbisse übrigens, weil der aktuelle Zustand nur Schelte verdient hat. Dennoch macht man es sich viel zu einfach, wenn man nur mit dem Finger auf DIE Publisher und DIE Presse zeigt. Die ersteren wollen nur verkaufen. Möglichst viel mit möglichst wenig Aufwand. Die letzteren wollen verständlicherweise nur von ihrem Job leben können, ein Sell-Out ist da naheliegend und durchaus verständlich. Also werden wir auch in Zukunft diese typischen 08/15-Spielereviews zu sehen bekommen, in denen brav alle Features aufgelistet, mit ein, zwei Absätzen besprochen, die negativen Dinge (wenn überhaupt) in einen Nebensatz gepackt und zum Schluß im Fazit ein paar wohlwollende Worte verloren werden, während daneben die übliche, Objektivität vortäuschende Prozent-Wertung prangt. Vielleicht sogar zusätzlich ein „Award“, wenn das Spiel besonders „toll“ ist.

Nun ist es ja nicht so, dass Journalisten, insbesondere Journalisten im Spielebreich, dumme, inkompetente Vollidioten wären. Zwar gibt es auch dort den üblichen Schnitt an Arschkrampen, doch die Mehrheit wird von Leuten gestellt, die sehr, sehr gerne, wirklich sehr gerne aus diesem seit Jahren etablierten Schema ausbrechen würden. Die gerne reflektierende und interessante Spielekritiken (!) schreiben würden und keine langweiligen, öden, Pseudo-Objektivität vortäuschenden Kaufempfehlungen. Was sie aber nicht dürfen. Nein, nicht weil es ihnen ein Chef-Redakteur oder gar ein immense Anzeigen schaltender Publisher vorschreibt. Sondern weil dies ein Großteil der Leser GENAUSO UND NICHT ANDERS haben möchte.

Immer wieder versucht man bei dieser oder jener Publikation einen Vorstoß, um wenigstens die Prozent-Wertungsskala in den Mülleimer der Geschichte entsorgen zu können. Pustekuchen! Die Mehrheit der Leser fordert vehement eine einfache Übersicht, um sehen zu können, wie „gut“ oder „schlecht“ ein Spiel ist. Nichts weiter als simple Kaufberatung eines schlichten Konsumproduktes, welches man nach einmaligen Durchspielen schnell wieder vergeßen hat, weil man sich nur ein Jahr später denselben Mist nur in schönerer Verpackung wieder als DAS NEUE DING andrehen lässt. Die Art und Weise, wie hier mit einfachsten Mitteln Hype erzeugt wird, wie hier einfachste Ansprüche befriedigt werden, legt den Schluß nahe, dass ein nicht kleiner Teil der Computerspieler vielleicht körperlich erwachsen geworden ist, in Punkto Computerspiele aber immer noch im Kindergarten steckt.

Es wird immer wieder gefordert, dass man Computerspiele endlich ernst nehmen soll. Dass Computerspiele Teil des Alltags breiter Bevökerungsschichten geworden sind und man sie daher nicht mehr als obskure Randgruppenbeschäftigung ohne Lobby und Einfluß behandeln darf. Das ist alles schön und gut. Dann wird es aber auch so langsam Zeit, dass man selber erwachsen wird.

Zero Punctuation ist zB. eines von vielen Anzeichen, dass dies mittlerweile passiert. Was Ben „Yahtzee“ Croshaw hier von sich gibt, das ist nicht einfach nur „Haha, der ist aber lustig!“. Das ist Spielekritik frei von all den Zwängen und Restriktionen der heute immer noch üblichen Kaufberatungen. Das ist Spielekritik! Kritik, wie sie in Literatur, Film, Musik und Theater schon lange, lange üblich sind. Nicht nur eine scheuklappige Beschäftigung mit dem Spiel als solchem in einem ansonsten luftleeren Raum, sondern eine reflektierende und die Umgebung einbeziehende Spielekritik.

Und vielleicht, vielleicht bekommen wir dann eines Tages auch eine „erwachsene“ Kritik zu Spielen wie „Call of Duty 4“, die über die naiv-kindliche Begeisterung angesichts der tollen Explosionen hinaus geht, und sich mit dem Spiel im zeitgeschichtlichen und tagesaktuellen Kontext beschäftigt. Vielleicht erleben wir dann auch den Tag, an dem ein Blitzblendvorgauckel-Spiel, welches nur hübsche Optik zu bieten hat, auch entsprechend nur durchschnittliche Wertungen bekommt. So wie es heute schon bei Blitzblendvorgauckel-Filmen gemacht wird, die ausser schicken Effekten eben nicht viel zu bieten haben. Vielleicht gehören Höchstwertungen für einen Graphikblender wie „Crysis“ dann endlich der Vergangenheit an?

15 Kommentare zu „Erwachsen werden

  1. Und ich war mir schon fast sicher, es würde heute eine Kappe für Crytek geben. 😉

  2. *gröhl*Nein, das ist so lächerlich und selbstentlarvend, was das Dreamteam Crytek/EA hier abziehen, da muss ich nichts mehr zu sagen 🙂

  3. Das Problem scheint nicht der Kunde an sich zu sein, sondern eher sein (unser ankonditioniertes ) Konsumverhalten. Wieviele Spiele wollten wir partot nicht spielen, haben sie dann aber als Busget, Kopie oder download doch noch angezockt?Wenn du dir die Foren anschaust, egal was du dem Kunden gibst es ist scheisse, er schreit doch förmlich danach die gleiche scheisse nur anders präsentiert zu bekommen. Wir sind so aufs visuelle aus ob wirs wollen oder nicht, das der gleiche Müll nur mit besserere Grafik einfach „the next best thing“ ist. du erwartest Mündigkeit bei Käufern/Konsumenten oder solchen Dogmatikern wie uns Zockern?,… Think again (irgendwie scheint nichts von dem was ich geschrieben hab Sinn zu machen und widerspricht sich,… aber so kams aus der Ferder) ^^

  4. Nee, passt schon … :)Genau das meine ich mit „Erwachsen werden“. Sich aus dieser Blitzblendvorgauckel-Welt zu lösen, den Blick über den derzeitigen Horizont zu heben und mehr zu sehen.Natürlich erwarte ich das nicht von allen. Meine Vorstellungen sind ja auch nur meine Vorstellungen und nicht die Weisheit des Universums. Wenn jedoch all die angeblich im Schnitt 30-jährigen Zocker endlich begreifen, dass sie bez. Computerspiele keine Kinder mehr sind und „erwachsene“ Unterhaltung fordern können (schliesslich hat man als Berufstätiger auch enstprechende Kaufkraft) … dann muss sich die Industrie anpassen. Denn dort will man ja nur verkaufen. Ob an Erwachsene oder an Kinder ist dort wurschtegal.Schau mer mal … auf jeden Fall WIRD das Genre so allmählich erwachsener. Und solange es Spiele auch für meinen Nischengeschmack gibt, solange darf es auch gerne öde, belanglose Brot- und Butterspiele geben, mit denen die Publisher all die Millionen verdienen, die sie dann teilweise in „vernünftige“ Spiele stecken können.

  5. Ja, das immer mehr Spieler immer älter werden, scheint man in der Spielebranche nur langsam (und ungern?) zu akzeptieren. Zumindest alle WoW Spieler die ich kenne sind min um die 30ig (persönlich spiele ich WoW nicht). Aber irgendwie hat die Spieleindustrie wohl das Problem, ihre „Zielgruppe“ der jugendlichen, gutaussehenden, intelligenten Menschen aufzugeben. Und wenn diese Gruppe auch nur in ihrer Fantasie besteht. /schulterzuck jetzt ist die Gruppe halt nicht mehr jugendlich, dafür sieht sie noch besser aus und ist zumindest erfahrener.Zum Thema Medien. Ehrlich gesagt tue ich mir das schon lange nicht mehr an. Da werden Spiele hochgelobt, die technisch einfach noch nicht fertig sind (Civilization 4; Gothic). Da geht man doch lieber nach amazon und liest nur die schlechten Bewertungen. Da hat man mehr von… Die einzige „Spieleseite“ wo ich überhaupt vorbeischaue ist yiya.de.Was das Älter werden betrifft. Es gibt zwei Spieleserien die ich gerne gespielt habe: Civilization und UT. Die neuesten Versionen habe ich unabhängig von irgendwelchen Bewertungen gekauft (hab ich die überhaupt gelesen?). Weil ich wollte, weil ich das Geld habe, weil es meine Zeit ist. Gut. Nachdem was mir bei Civ4 an unfertigem Mist oder bei UT3 an spielerischen Mist angeboten wurde – das macht man einmal mit mir und beim nächsten mal bleibt die Geldbörse für diese Firmen zu. Ich denke mal sowas machen „ältere“ Spieler eben doch sehr viel eher als Jugendliche. Und die zieht man nicht noch mal mit irgendeinem Hype über den Tisch… Da sind die meisten von uns doch „erwachsener“ und bestehen schon auf „ihre“ Intressen. Auch wenn man sie im Moment noch nicht durchsetzen kann…

  6. Das Konsumverhalten bei Spielen unterschreidet sich doch im Prinzip nicht von dem anderer Medien. Filme, Musik und Bücher sind seit langem auch beim „älteren“ Publikum etabliert, und da verkaufen sich die Blender wie Fluch der Karibik, Britney Spears oder das neueste Dan Brown doch auch besser als inhaltlich und künstlerisch anspruchsvolle Dinge. Die Wenigsten wollen sich nach einem harten Tag noch mit Uhrwerk Orange oder Tolstoi ausseinandersetzen. Das hat mmn weniger mit dem alter als mit der heutigen Verblödungs-Konsum-Gesellschaft zu tunGrußFrank

  7. Ich habe ja nichts gegen Britney Spears oder „Fluch der Karibik“, solange es zusätzlich (!) noch Werke gibt, die meinem Geschmack entsprechen. Die Spiele-Landschaft hat aber IMHO sehr viel von ihrer Vielfalt verloren, da fast jeder Publisher angesichts immenser Produktionskosten auf vermeintlich sichere Features und Settings setzt. Sprich, es gibt an neuen Releases fast nur noch Spiele-Britneys und Zocker-MichaelBays. So kleine, feine Überraschungstitel wie ein Memento, oder ein „The Machinist“ gibt es im Spielebreich kaum.Die Indie-Szene ist noch nicht so groß oder gar etabliert, um diesen Mangel an Kreativität bei den Major Publishern ausgleichen zu können.Hat nicht letztlich ein 4players-Redakteur gefordert, dass ein Publisher wie EA sich ein „Arthouse“-Label leisten sollte, wo nicht nur künstlerisch anspruchsvolle Titel für Nischen produziert werden, sondern wo auch neue IPs und Spielprinzipien ausgetestet werden können?

  8. Also taugt das Ding künftig nichtmal als Budget-Popcorn-Kost.Ich schätze, zu Weihnachten gibt es Crysis als Heftbeilage bei PC Games, um die Auflage zu pushen :)(ich muss ja so über crytek und den hr. yerli lachen, dass ich fast schon mitleid bekomme) 🙂

  9. Crysis war doch von vornherein dazu verdammt ein Softwarepyramidenspiel zu werden! Für 5€ werd ichs mir zu seiner Zeit mal mitnehmen (wenn in ca 5 Jahren mal der passende Rechner da steht). Und wenn die Umsatzzahlen stimmen, dann werden wohl recht viele so gedacht haben…..Mein Bruder hatte sich mal spasseshalber die Demo gezogen, auf nem 4GHz Athlon, 2GB Ram und ner GeForce 7xxx läuft das Spiel wie Rotz und das in mittleren Details 🙂

  10. Sehr schön geschrieben, … das wollt ich auch schon immer sagen :-).Dennoch, kann es nicht mal ein einziges Posting geben in dem nicht irgendwo „phöse phöse“ vorkommt?

  11. Hab Geduld, irgendwann werde ich dieser Formulierung überdrüssig und verwende sie dann nicht mehr 🙂

  12. Naja, Reviews wie bei Zero Punctuation behaupten ja nicht objektiv zu sein. Nicht falsch verstehen ich finde die Reviews großartig aber in Zeitschriften will ich schon ne Kauf Entfehlung ja/nein. Was hilft mir die Info das der Reviewer das Spiel nicht mag weil es nicht sein Gernre ist. Schlecht für ihn aber es sollte schon einer sein der sich zumindest theoretisch für das Spiel interessiert.Die Prozent Wertung ist hingegen lächerlich. Schulnoten wären ok.Völlig ohne Wertung ist es schwer ein Spiel einzuschätzen. Ein Fazit reicht mir schon. Man kann ja nicht nachhacken: „Eher gut oder Schlecht.“

  13. Bin auch für neue Formulierungen. bei phöse phöse fang ich an den Artikel zu überfliegen;)

  14. Computerspiele waren eigentlich noch nie ein reines Kinder- und Jugendmedium – es ist bloß so, dass Jugendliche offener gegenüber neuen Medienformen sind. Und kulturpessimistische Kritik an neuen Medienformen paart sich oft mit Kritik am angeblichen Verfall der Jugend, das war auch schon immer so. Aber Computerspiele wurden von Anfang an von (wenn auch jungen) Erwachsenen produziert, was eben auch schon einschließt dass das Zielpublikum nicht unbedingt auf Jugendliche beschränkt ist.War bei den Comics übrigens ähnlich: die ersten Comicserien in 1930er Jahren wurden in Tageszeitungen veröffentlicht – wurden die etwa vorwiegend von Kindern und Jugendlichen gelesen? Eben. Tetz

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