Be subversive

Steve Meretzky (ja, DER Steve Meretzky) hat in einem Vortrag zur GCDC (Games Convention Developers Conference) wieder das mittlerweile weit bekannte Lied vom Mangel an Innovation, Fortschritt und neuen Ideen in der Branche gesungen. An den Schaltstellen säßen nur Idioten, es wird kaum noch etwas neues erfunden, weil vor allem die Publisher angesichts von Millionenbudgets logischerweise kein Risiko eingehen wollen. Was vor einigen Jahren auf der Games Developer Conference als Rant eines einzelnen Entwicklers begonnen hat, hat wie ein Wildfeuer um sich gegriffen, als immer mehr Lohnsklaven den Mut fanden, ebenfalls ihre Frustration laut und öffentlich zu äussern.

Die kreative Stagnation der Spielebranche ist offensichtlich. Für Entwickler und mittlerweile auch für uns Spieler.

Muhahahaha! kreative Stagnation, my ass! Jedes Jahr immenses Wachstum, zweistellige (!) Zuwachsraten, Abermilliardenumsätze weltweit: Was juckt mich das Heulen irgendwelcher Hippies, wenn ich Jahr um Jahr immer mehr Geld verdiene und es keine Grenze gibt?

Richtig. Rein kommerziell gesehen geht es der Spielebranche prächtig. Wogegen auch prinzipiell überhaupt nichts einzuwenden ist.

Wo ist dann Dein Problem, Du armseliger Weltverbesserer!

Ich habe kein Problem mit dem Umstand, das jemand mit Spielen viel Geld verdient. Ist doch vollkommen in Ordnung. Ich selbst trage mit Abogebühren für ein WoW oder dem einen oder anderen Kauf eines Charttitels selbst dazu bei.

Ich empfinde aber auch eine gewisse Müdigkeit, was den weitaus überwiegenden Anteil aktueller Chart-Titel angeht. Sie interessieren mich nicht mehr. Ich gebe, wenn ich etwa zehn Jahre zurückdenke, momentan geschätzte 80% (!) weniger Geld für Chart-Titel oder gar Budget-Titel aus. Mein Schrank ist RANDVOLL mit älteren und ganz alten Spielen, die ich immer wieder gerne heraushole oder die ich gar noch vor mir habe. Da liegen zB. zwei samt Inhalt perfekt erhaltene Kartonverpackungen mit den beiden RavenloftSpielen aus dem Jahr 1994 und 1995.

Ich gebe für neue Spiele jedoch kaum noch Geld aus. Und nein, das liegt nicht an einem MMO, welches mich zeitlich bindet. Das geht schon seit einer Weile so. Viele moderne Spiele langweilen mich. Warum sollte ich für sie Geld ausgeben?

Und? Meinst Du etwa, dass die großen Publisher sich jetzt ins Hemd machen, weil Du Zentrum des Universums ihnen kein Geld mehr gibst? Schatzi, die können auf Dich und Dein Geld locker verzichten!

Richtig. Das können sie. Nehme ich ihnen auch nicht übel. Bleibt mir (!) schon mehr Geld für andere Dinge.

Und an dieser Stelle kommt wieder Steve Meretzky mit seinem Vortrag ins Spiel. Sein „Be subversive!“ bedeutet für Entwickler, sich mehr zu trauen, sich nicht ausschliesslich nach den Interessen der Publisher zu richten und nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner im Kundengeschmack als Grundlage für ihr Projekt zu nehmen. Ob einem Entwickler nun die Unantastbarkeit seiner kreativen Vision wichtiger ist als ein gesichertes Monatseinkommen, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Und ich als reiner „Spieler“ und potentieller Kunde bin schon mal gar nicht in einer Position hier etwas zu verlangen.

Ich kann nur die Subversivität von Leuten unterstützen, die sich trauen Spiele jenseits des gerade kommerziell angesagten Mainstreams zu machen. Denn ich lasse immer öfter Geld bei kleinen Projekten, bei Indie-Entwicklern liegen. Geld, welches die großen Publisher nicht mehr sehen, weil ich deren Produkte nicht mehr kaufe. Und ein Indie-Entwickler freut sich über 10 Euro auf seinem Paypal-Spendenkonto mehr, als sich ein großer Publisher darüber freut, dass ich ein Spiel für 40 Euro aus seinem Angebot erstehe.

„Be subversive!“. Das bedeutet nicht, dass man sich revolutionsromantisch nachts heimlich und vermummt in einem dunklen Hinterhof trifft, um die nächsten Sabotage-Aktionen zu besprechen. „Be subversive!“ heisst für uns Spieler nur, dass wir beginnen Spielspass auch an anderen Stellen als dem Verkaufsregal beim Blödmarkt zu entdecken. Nicht alles muss ein Millionenseller sein, nicht alles muss auf hochglanzpolierte Blitzblendvorgauckel-Kulisse sein. Es gibt auch Alternativen jenseits von Zielgruppenoptimierung, In-Game-Werbung und Marketing-Hype.

Alternativen, die ebenfalls eine Menge Spass bereiten können. Das ist ja das subversive daran 🙂

2 Kommentare zu „Be subversive

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