Schwarz auf Weiß: Mindstar

Sommerloch und saure Gurkenzeit. Nicht nur in der Medienlandschaft, sondern derzeit auch in meinen Bedürfnis, meine Zeit spielend vor dem Rechner zu verbringen, bzw. den DS aufzuklappen, obwohl ich seit kurzem das FF4-Remake mein Eigen nenne. Stattdessen stecke ich meine Nase in ein paar Bücher. Einige neue und etliche alte, die ich noch nicht gelesen habe oder von denen ich wieder soviel vergessen habe, dass sie mir wie (fast) neu vorkommen.

Als da wären zB. die Mindstar-Romane von Peter F. Hamilton. Idealer Lesestoff, wenn man nicht viel denken möchte, sondern ein paar vergnügliche Stunden im Schatten eines großen Baumes verbringen will, neben sich ein Krug gut gekühltem Bier und eine freundliche, sehr charmante Teilzeit-Kraft in Rufweite. Da stört es auch nicht so, wenn Hamilton seine Charaktere ein wenig „flach“ anlegt und man mitunter den Eindruck hat, dass er, was den Helden betrifft, vor allem seine eigenen Jugendphantasien auslebt, weil sie (!) dann auch gerne flachgelegt werden. Ein cooler, tougher Ex-Soldat, dem man einst eine Drüse ins Hirn gepflanzt hat, welche es ihm ermöglicht Emotionen nicht nur zu lesen, sondern sie auch im Extremfall zu manipulieren. Logischerweise hat die wohlproportionierte Blondine, die kurz darauf die Handlung betritt, auch nicht Hauch einer Chance auf Gegenwehr, so dass heftig die Kolben auf- und niederstampfen und Schnellzüge, wild das Horn betätigend, in dunkle Tunnel einfahren. Hätte sich Hamilton nicht eines Tages dafür entschieden Science Fiction zu schreiben, er hätte sein Auskommen auch mit erotischer Literatur verdienen können.

Abgesehen jedoch von diversen Klischee-Figuren und dezent aufgesetzt wirkenden Sexszenen, zeichnet sich Hamiltons Schreibe aber durch einen flotten Stil, die Liebe zu Details und einer gehörigen Portion Spanung aus. Sprich, die ideale Unterhaltungslektüre. Und wenn er Greg Mandel, einen ehem. Angehörigen der Mindstar-Brigade durch ein England und eine Welt schickt, die sich so gerade von den Folgen einer deftigen Klimaerwärmung aufrappelt, er seine Helden in Auseinandersetzungen zwischen alten und neuen Mega-Konzernen geraten lässt und dabei technische und soziologische Vorraussagen macht, die sehr glaubhaft, in sich logisch und überzeugend wirken, so entschädigt dies für so manch anderes Ungemach in seinen Werken. Solide Unterhaltungsliteratur für die Momente, wenn man draussen im Schatten eines großen Baumes sitzt, neben sich ein kühles Bier und in Rufweite … hmmm, warum habe ich jetzt keine solche Drüse … menno!

Hier übrigens das Cover des dritten und letzten Mindstar-Romanes. Der auch nicht ganz zufällig der beste dieser Trilogie ist, weil Hamilton sich im Laufe der Zeit literarisch spürbar weiter entwickelt hat. Die Charaktere bekommen allmählich Ecken und Kanten. Nicht nur, dass sie im Laufe der Serienhandlung rein chronologisch älter werden, Hamilton gelingt es erstmal auch glaubhaft zu schildern, dass sie tatsächlich älter geworden sind. Action und Sex und Spannung und Geheimpläne und ultramoderne Technologie gibt es natürlich wieder zu Haufe, aber nicht ohne Grund hat „Die Nano-Blume“ die höchst Seitenanzahl aller Mindstar-Bücher. Hamilton nimmt sich endlich ein wenig Zeit für die Charaktere, mit denen er seine Handlung bestückt. Nein, immer noch keine Hochliteratur 🙂 , aber sehr gute, sehr empfehlenswerte Science Fiction.

Und wer nach den Mindstar-Romanen gefallen an Hamiltons Stil und vor allem an seinem Einfallsreichtum und seiner Detailversessenheit gefunden hat, dem lege ich ausdrücklich die „Armageddon„-Serie (im Englischen „Night’s Dawn“) ans Herz. Die Seelen der Toten kehren zurück, während sich menschliche Kulturen vielerlei Gestalt und Ausprägung weit über die Galaxis ausgebreitet haben.

Und wer nach Mindstar der Meinung war, dass Hamilton ein ultrakonservativer Verfechter des Kapitalismus sei und Kommunismus für ihn schlimmer als der Tod ist, der hat a) die Mindstar-Romane nicht richtig gelesen und b) erst recht nicht die Armaggeddon-Bücher gelesen, deren Finale man im Grunde auch als zwangsbeglückende, sozialistische Gleichmacherei interpretieren könnte, wenn man alles nur durch die Brille einer bestimmten Ideologie und Weltanschauung betrachten möchte.

14 Kommentare zu „Schwarz auf Weiß: Mindstar

  1. Bin auch grad total im Lesefieber. Seit ich neulig mit dem Zug unterwegs war, habe ich mich endlich mal meinen ganzen ungelesenen Buechern zugewandt… und einige davon waren auch noch ueberraschend gut. Juhuh!/OT

  2. Ähm, ja, die Commonwealth-Saga … hat mich nicht wirklich vom Hocker gehauen. Nette Ideen, haufenweise Action und Gib-ihm-Saures, aber in Punkto Charakterdarstellung IMHO ein deutlicher Rückschritt. Mir waren die handelnden (menschlichen) Personen größtenteils furzegal, weil zu flach, zu uninteressant, zu klischeehaft. Ich war eher am Schicksal des Prime-Kollektivs MorningLightMountain interessiert als an allen Menschen in diesen Romanen. Die Commonwealth-Saga fand ich daher ein klitzeklein langweilig.

  3. aua! wollen die das buch verkaufen? diese umschlaggestaltung SCHREIT doch gerade danach, als „remittend“ gekennzeichnet in einer grabbelkiste zu landen.gary glitter im weltall.wenn DAS der soldat mit der „drüse“ sein soll, müssen die frauen wohl doch nicht so viel angst haben vor ihm. eher die männer.naja, man soll ja nicht auf den inhalt schliessen. viele shadowrun-romane aus den frühen 90ern waren auch einfach von außen nur häßlich. 😉

  4. Sind das nicht [leider] die meisten halbwegs guten Buecher? Zumindest bei Sci-Fi ist mir das mal generell aufgefallen, aber auch andere Sachen…

  5. aua! wollen die das buch verkaufen?Zielgruppengerechte Umschlaggestaltung! :)SF ist nämlich nur was für männliche Jugendliche, deren pubertierender Hormonhaushalt bedient werden muss … und ich will hier gar nicht von all den Peinlichkeiten anfangen, die man auf Spieleverpackungen findet. Aktuell zB. Drakensang, wo die beiden werten Damen so um die 100H haben dürften. Während der hehre Recke in der Mitte nur ein „langes“ Schwert hat und scheinbar überkompensieren muss *seufz*

  6. von wegen pubertierender hormonüberschuss und so: die designer von drakensang haben den weiblichen körper mit sehr viel liebe zum detail gestaltet. inklusiv unterwäsche im „wicked weasel“ style..ich mein, wer braucht schon ne amazonenrüstung? die engt doch nur ein ! und der eine punkt rüstungsschutz.. was solls? 😀 mir wärs zwar lieber gewesen, die hätten sich mehr mit dem eigentlichen spiel beschäftigt als mit der akkurat in szene gesetzten schwingung weiblicher oberweite .. aber manN kann offensichtlich nicht alles haben..

  7. Das schlechteste meiner letzten 10 Bücher: Dan Simmons Hyperion Gesänge. Warum zur Hölle 4,5 / 5 Sterne bei Amazon? Eine Handlung die man am besten als zähflüssig dahinkriechender Kauderwelsch titulieren kann, unterbrochen von einer guten Idee pro 300 Seiten (die Story der jeden Tag jünger werdende Tochter fand ich interessant) und dem sagen wir mal nicht blumig umschriebenem Durchpimpern jedes Charakters. Ich habs nur mit Müh und Not durchgelesen weil ich gerade nichts anderes mehr hatte und den Neupreis bezahlt habe.

  8. Hehehehihihi … dann wird Dich nicht freuen, was ich demnächst als Lesetip erwähnen werde 🙂

  9. Ich war von den Gesängen auch leicht enttäuscht. Das lag aber daran, dass ich direkt vorher "Ilium" & "Olympos" gelesen habe, zwei deutlich stärkere Bücher.Es ist einfach herrlich wie Simmons dort in der Welt des Trojanischen Krieges, welche nur aus Archetypen und Gestalt gewordenen Metaphern zu bestehen scheint, mit Klischees spielt und ganz bewusst gegen (SciFi-)Normen verstösst.Trotzdem eine ernst zu nehmende Space-Opera, die ich nur empfehlen kann.P.S. Ist zwar kein SciFi sondern Fantasy aus den 90ern, aber ich bin neulich über die "Die Rätsel von Karenta"-Reihe von Glen Cook gestolpert. Sehr charmante Detektiv-Geschichten mit leichtem Film Noir-Flair. Man kann es mit den alten "Nachtwache"-Romanen von Pratchett vergleichen. Absolut lesenswert, wenn auch fast nur noch gebraucht zu bekommen. 🙂

  10. Komisch, mir ging es genau umgekehrt. Die komplette Hyperion/Endymion-Reihe habe ich gerade zu verschlungen. Bis auf ein paar Längen hier und da schlichtweg fantastische Unterhaltung.Ilium war irgendwie ganz nett, Olympos hab ich an der Stelle abgebrochen wo die Movarecs ein Steampunk-Style Raumschiff zur Erde schicken. Was ein gequirlter Mist.

  11. Bin ich der Einzige, den der Typ auf dem Buchcover sehr an den jungen Mel Gibson erinnert?hier mal ein Bild aus Mad Max 1http://thesilverkey.blogspot.com/2007/12/one-wild-ride-mad-max-is-postapocalypic.htmlGrußFrank

  12. … hmmm, warum habe ich jetzt keine solche Drüse … menno!Dafür braucht man keine Drüse. Google mal nach »pickup artist.« 😉

  13. Hyperion/Endymion gehört zum Besten, was ich bisher an SF gelesen habe. Natürlich stellt es an den Leser ein paar Ansprüche.Weniger anspruchsvoll, aber nicht minder unterhaltsam gehts halt dann bei Honor Harrington zu.Gruß Alex

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