Distanz

Derzeit tobt in Berlin die Quo Vadis 2009, eine Konferenz für Spiele-Entwickler, hauptsächlich deutsche Spiele-Entwickler. Nun, prinzipiell ist dagegen natürlich nichts einzuwenden, auch habe ich konkret und persönlich nichts dagegen einzuwenden. Warum auch …

Sicher, die Jungens von Winseltek spucken wieder große Töne und auf der Referentenliste findet sich so manche Hackfresse, deren einzige Kompetenz im HeisseLuft-Verkaufen besteht, aber hey … im Grunde geht mir das am Allerwertesten vorbei. Das ist ja nur Bauchbepinseln und Eigenlobabstinken für die Szene und daher normal. Nein, Aufregen is nich. Abgesehen davon, dass ich das Denken und Handeln dieser Arschkrampen eh nicht verändern kann und ich mir durch unsinniges Aufregen doch nur selber schade.

Mir ist, nachdem ich über den Vortrag der Herren Schmitz und Grindel von Bluebyte/Ubisoft zum Thema „Teamgröße“ gelesen hatte, nur aufgefallen, wie weit ich mich mittlerweile von dieser Industrie entfernt habe. Sowohl als ehemals dort Beschäftigter als auch als Zocker, Gamer und Spieler.

Ich kann die Überlegungen und Erkenntnisse, welche die beiden Herren hier präsentieren, sehr wohl nachvollziehen, da kommerzielle und betriebswirtschaftliche Rahmenbedingungen keine anderen Schlüsse zulassen. Der Unterschied zwischen deutscher und angelsächsischer Arbeitsethik ist mir auch nichts neues und wohlbekannt. Ich kann rein objektiv diesem Vortrag und den Vortragenden nur wohlwollend und zustimmend zunicken. Ich würde es an deren Stelle nicht viel anders machen, weil einem keine andere Wahl bleibt, wenn man mit Computerspielen gigantische Geschäfte machen möchte. Der Markt diktiert die Bedingungen und man hat sich an diese Bedingungen anzupassen, wenn man viel Geld verdienen möchte.

Es ist nur so … im Laufe der Jahre habe ich gemerkt, wie hohl die Industrie als solche ist, wie sehr man den eigenen Verstand ausblenden muss, um Projekte soweit „herunterzudimmen“, damit sie auf dem Reissbrett der Ingenieure die größtmöglichen Marktchancen haben. Kreativität wird kanalisiert, eingezwängt und darf nur noch in homöophatischen Dosen stattfinden, da, leider zu Recht, zuviel Kreativität Otto-Normal-Zocker ver- und abschreckt. Dementsprechend hohl und langweilig sind mir dann auch die Spiele, die am Ende dieser Produktionskette stehen. Glattgebügelte, Zielgruppen- und Feature-optimierte 08/15-Produkte für den Massenmarkt. Wer in solche Produkte noch Herzblut und Engagement stecken kann, ohne langfristig daran seelisch krank zu werden, ist entweder noch sehr jung oder erhält entsprechendes Schmerzensgeld aka Gehalt, damit man es nicht mehr so spürt, wenn es weh tut.

Und diese Produkte finden natürlich großen Anklang, da sie zT. perfekt auf Leute zielen, die in Spielen wirklich nur anspruchslose Freizeitunterhaltung sehen, die nur abgelenkt werden wollen. Diesen Leuten ist es egal, unter welchen Arbeitsbedingungen diese Spiele entstehen, wie hier Jahrgang auf Jahrgang hoffnungsvolle Nachwuchs-Entwickler/Mitarbeiter/Künstler verbrannt und desillusioniert wieder ausgespuckt werden. Diesen Leuten ist es auch egal, wenn sie Stück um Stück entrechtet werden, weil sie vor lauter Rammbammbumm nicht merken, dass sie für „Games as a service“ immer mehr Geld ausgeben, ohne dafür entsprechende Gegenleistung zu bekommen. Weil es doch nur harmlose Freizeitunterhaltung ist und man als OttoNormal-Zocker in der Regel keine Chance hat, die Mechanismen von Werbung und Marketing zu durchschauen, man jedes Mal auf’s Neue in die Falle tappt, ohne zu merken, dass es überhaupt eine Falle ist.

Wer es in der Industrie zu etwas bringen möchte, der muss genau diese Leute bedienen können, der muss jegliches eigenes Qualitätsempfinden ausschalten. Man darf Anerkennung nicht in der Qualität der Arbeit, sondern muss sie einzig und alleine im anschliessenden kommerziellen Erfolg finden. Wenn der größte Billigdreck gut läuft, darf man sich stolz auf die Schulter klopfen. Wenn ein anspruchsvolles Projekt an der Kasse tankt, bekommt man nur Häme und „Ich hab’s doch gleich gesagt“ zu hören. Hinzu kommen noch enge Entwicklungszeiträume, ständig wechselnde Zielvorgaben, um auch ja nur keinen Trend zu verpassen, sowie daraus resultierend haufenweise Crunchtime und eine auch in Deutschland immer mehr zunehmende Reduktion des Mitarbeiters auf den quasi rechtlosen Status einer Human Ressource, die man nach Belieben durch die Gegend schiebt oder wegwirft, wenn ihre Nützlichkeit erschöpft ist.

Wer sich immer noch fragt, warum einem die üblichen Chart-Titel und Triple-A-Produktionen immer weniger Spass machen, der muss sich angesichts solcher Arbeits- und Marktbedingungen nicht wundern. Hier KANN nichts entstehen, was ich und andere alte Säcke immer mehr suchen, weil sie es im aktuellen Angebot nicht finden. Wir sind nicht mehr relevant, weil unsere Kaufkraft angesichts der für Chart-Titel notwendigen Produktionskosten zu gering ist. Wir spielen für diese Industrie keine Rolle mehr.

Ist das jetzt schlimm? Muss ich mir nun die Augen ausheulen und Trauer tragen, weil man meinen persönlichen Geschmack nicht genügend berücksichtigt?

Nö, es ist doch nur ein Hobby. Ein reines Luxushobby, welches man sich leistet, weil man es sich leisten möchte. Wenn mir die Entwicklung in der Spielebranche zu lange auf der Stelle tritt, wenn ich irgendwann die Schnauze endgültig vollhabe, konzentriere ich mich eben wieder auf die Interessengebiete, die ich auf Grund dieses lächerlich kurzen 24h-Tages nicht genügend verfolgen konnte. Wirklich, ich brauche keine Spiele um jeden Preis.

Hmm, halt, das sollte ich präzisieren: Ich brauche nicht neue (!) Spiele um jeden Preis 🙂

PS: Abgesehen davon, dass ich mich vor Lachen kaum einkriege, weil der „Landwirtschafts-Simulator 2009“ seit einigen Wochen an der Spitze der deutschen PC-Charts steht. Ich kann mir jetzt schon bildlich vorstellen, wie Producer und Marketing-Strategen landauf, landab ihre derzeit in Entwicklung befindlichen Projekten auf diesen neuen Trend hin anpassen *kicher*

15 Kommentare zu „Distanz

  1. Ich ertappe mich auch in letzter Zeit öfter mal dabei, die Unterhaltungssoftware 2.0 (B.U.C.H.) in die Hand zu nehmen. B.U.C.H. ist kabellos und leicht bedienbar, und bietet ein nie dagewesenes virtuelles Unterhaltungspotenzial xDAußerdem schwimme ich momentan extrem auf der retro-Welle: Letzten ein schöner Gamecube mit ein paar tollen Spielen für unter 20 Euro, bald noch eine Dreamcast, dazu noch eine Prise Persona 4 und Persona 3:FES – da kann man sich doch entspannt und losgelöst anschauen, wie AAA-Spielentwickler und Co fleißig Sand aus dem Käfig werfen ^^

  2. ARGH, einer der ‚Premium unterstützer‘ ist ja Rapidshare xDDa haben sie ja ihren Feind in den eigenen reihen…Könnte Amerika ja gleich sadams leibgarde als polizisten im irak beschäftigen ;p

  3. ARGH, einer der ‚Premium unterstützer‘ ist ja Rapidshare xDJa, das fand ich auch äusserst erheiternd. Geschickter Marketing-Gag von Rapidshare! 🙂

  4. Zu Retro-Spielen: Ich zocke derzeit wieder Quake 2. Mit Source-Port und neuen Texturen. Community- und Fan-Arbeit vom Feinsten. Und letztens „Rise of the Triad“ mit WinROTT. Ich brauche keine neuen Shooter. Abgesehen davon, dass neue Shooter eh nicht mehr meinem Geschmack entsprechen …

  5. Ich spiele in letzter Zeit irgendwie auch nur noch OpenArena und UT 2004… ist jetzt zwar nicht soo retro wie euer Zeug, aber aktuell ist es auch nicht grade [mag aber auch dran liegen, dass ich einfach keine Bekannten mit halbwegs zeitgemaessen Rechnern habe].

  6. vergesst nicht, „the witcher“ ist ja auch eines der neueren vertreter. allerdings ist dieser in einer relativ kleinen (und vor allem UNABHÄNGIGEN) klitsche entstanden. wo ich gerade davon rede, hab mir jetzt die erweiterte edition davon bestellt, keine 30€ bei amazon.co.uk , und werds nochmal zocken, nachdem meine prüfungen rum sind. dieses spiel ist so.. ich weiß nicht, wenn ich nur die musik höre, hab ich tränen in den augen. das mich etwas so fasziniert und begeistert schaffen wenige spiele/bücher/filme.was den großteil der mainstream-spiele angeht (ja, mainstream ist irgendwie ein schimpfwort).. ich sag nur : geld gespart! 😀

  7. @Stranger: Jo, auf der Retro-Welle bin auch gerade ordentlich am surfen ^^Und da sind die Spiele auch noch so schön günstig zu kriegen…Ich stehe neuen Spielen zwar nicht ganz so kritisch gegenüber wie der Autor dieses Blogs; ein Abfall der Qualität und des Niveaus der Spiele zeichnet sich meiner Ansicht nach jedoch immer deutlicher ab.Naja, eine ähnliche Situation hatte die Branche ja schon… und wäre daran fast untergangen. Vielleicht kommt ja bald die nächste Kriese für die Industrie und dann merken sie vielleicht, dass zum Spiele machen und Geld verdienen mehr gehört, als billige Massenware rauszuhauen…

  8. Diablo 2 (auf einem viel zu modernen PC) und Final Fantasy VIII (auf einer viel zu modernen PS3) sind bei mir gerade am Laufen.Und warum? Weil ich einfach Lust auf sie habe. Ich habe so unzählige Spiele hier rumfliegen, dass ich mir jederzeit das raussuchen kann was ich will. Und wenn ein neues Spiel mich unglaublich interessiert und genau meinen Geschmack trifft (vornehmlich Rollenspiele) wirds halt gekauft.Die vergessen alle, dass nicht alle Leute JEDES halbwegs topaktuelle Game brauchen.

  9. @Khobar Gehn Ps1 spiele auf der 3er? OoBist bestimmt einer der glücklichen die eine noch rückwärtskompatible haben?Ich hatte vor kurzem FF IX nochmal gespielt, es ist einfach balsam für die gamer seele, wenn ich überleg wieviel stress ich bei den meisten neueren spielen entwickel, da ist der Herzinfarkt mit mitte 20 nimma weit ^.~

  10. @Malle: PSX-Spiele lassen sich auf allen PS3-Versionen abspielen, nur PS2-Spiele nicht.

  11. @MalleWie mein Vorredner bereits sagte, PSX-Spiele laufen auf jeder PlayStation 3, nur PS2-Spiele laufen nicht auf jeder Konsole. Hab leider keine PS2-Abwärtskompatibilität, leider leider :(Aber ich hab ja noch meine PS2 hier, von daher muss ich nicht auf diese vielen Perlen verzichten 🙂

  12. Hier sind sie versammelt, die Rentnergamer und jammern, das früher alles besser war. Ein bisschen Differenziertheit offenbart: Dem ist nicht so. Früher gab es genausoviel unzähligen Schrott wie heute. Was wir heute davon noch spielen sind die Perlen aus einem Meer von lieblosem Murks. In 10 Jahren werden wir die Perlen von heute spielen und denken: Boah, waren die Spiele damals geiler. Meine aktuellen Perlen: Team Fortress 2 und Left4Dead. Spiele, mit so viel Leidenschaft und Liebe fürs Genre, das man heulen möchte.

  13. ähm … „früher war alles besser“ sagt hier niemand ;)Es ist nur so, dass man im aktuellen Angebot immer weniger Spiele findet, die einem zusagen und zumindest ich könnte für eine ganze Weile sogar auf neue Spiele verzichten, weil es noch so viel „Material“ auf diversen Plattformen gibt, die interessant genug erscheinen, dass man sich damit beschäftigen möchte.Ich habe zB. noch so ganz elementare Lücken wie Final Fantasy 6-12 zu schliessen, was für mich RPG-Fanatic und kleinen Otaku schon ein wenig peinlich ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s