Es ist nicht mehr dasselbe …

Nachdem ich mir an Machinarium die Zähne ausgebissen habe und trotz Walkthrough dem Myst-Effekt zum Opfer gefallen bin (sprich, zu blöde bin dämliche Dreh- und Schalterrätsel zu lösen), nachdem ich abends und am Wochenende auch keine Muße zum geruhsamen RPG-Genuß habe … war es wohl wieder Zeit für ein Shooter-Intermezzo. Irgendwas Schnelles und Fetziges, aber nicht allzu Anspruchsvolles. Und ohne Savepoints. Oder Auto-Heal. Und ohne all den anderen Kram, den ich nicht in einem Shooter sehen mag. Sprich, ein Shooter, der angesichts meiner Inkompatibilität mit aktuellen Genre-Vertretern wohl aus den Untiefen der Sammlung kommen muss, anstatt dass ich konsummäßig die Kassen der Publisher fülle.

Und da fiel mir ein, dass ich letztes Jahr kein einziges Mal “Doom” gespielt habe. Also flugs die neueste jDoom-Version geholt und geschaut, was es an spassigen Addons gibt. Sound, Models, Texturen, usw. usf. Leider scheint derzeit das komplette File-Archiv offline zu sein, was zu mühseligem Zusammensuchen aus anderen FTP-Quellen und mickrigen BT-Schwärmen führt.

Dergestalt dann doch ausgerüstet, ging es ans Eingemachte. Dank Maussteuerung und Sprungtaste war es mir sogar möglich ein wenig länger auf NIGHTMARE durchzuhalten, als das früher mit Vanilla-Doom der Fall war. Aber ich wollte ja entspannen. Also zurück auf ULTRAVIOLENCE und den Killerspieler in mir sich so richtig austoben lassen.

Spassig ist das immer noch. Vor allem, wenn man feststellt, Doom nicht nur letztes Jahr, sondern auch das Jahr davor und min. das Jahr vor diesem nicht gespielt zu haben. Ich habe doch tatsächlich in E1M3 – “Toxin Refinery” ein Secret ausgelassen. Vergessen. Peinlich! Aber so lustig dieses aufpolierte Doom-Feeling auch ist und so spassig das grundlegende Gameplay mit seinem brutal-brachial-anarchischen Charme nach all den Jahren immer noch rüberkommt … etwas rumort in mir.

Denn ich stand in diesem berühmten Raum mit seinen drei Fenstern und der grünen Rüstung.

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Und schaute aus selbigen Fenstern. Und verspürte … gar nichts mehr!

Das war der Raum, der Levelabschnitt, in dem ich vor fast genau 17 Jahren einen Hauch Geschichte verspürt habe. Nicht länger war ich Spieler in den engen Grenzen künstlicher 2D-Welten gefangen. Ich konnte gehen, wohin ich blickte. Frei und flüssig blickte. 3D war da. Mit Karacho und dazu bestimmt, nie mehr aus meinem Gamer-Dasein zu verschwinden. Himmel, ich konnte aus einem richtigen Fenster schauen, aus jedem Blickwinkel, wie ich das wollte und sah draussen eine Landschaft, die mich sirenenhaft lockte und rief. Weil sie auf Grund geschickten Einsatzes einer simplen Textur so verdammt real erschien. Meinen Augen wurde erfolgreich vorgegaukelt, ich sei tatsächlich dort. Mein Gehirn sog diese Illusion auf wie ein trockener Schwamm den herauf-ziehenden Morgennebel! Fuck! Das war so irre, so genial, so absolut irrwitzig, mördermäßig geil!

Und es ist vorbei. Der Trick funktioniert nicht mehr. Auch dann nicht mehr, wenn ich das alte Software-Rendering mit 320×200 Bildpunkten starte. Mein Gehirn winkt abgeklärt ab: “Nee Du, lass ma. Kenn ma schon. Geh jezzet von dem Fenster weg und lass endlich krachen …”. Ich weiß jetzt, wie 3D-Engines die Illusion eines dreidimmensionalen Raumes erzeugen. Ich weiß jetzt auch, dass in Doom sogar noch mehr getrickst wurde und ich in Wirklichkeit gar kein “richtiges” 3D zu sehen bekam, sondern nur ein raffiniert gerendertes 2,5D.

Manchesmal, da wünscht man sich doch tatsächlich die Unwissenheit und erfrischende Naivität vergangener Zeiten zurück. Aber nur manchmal. Und es bleibt nur beim leisen, melancholischen Anflug. Denn das Gehirn will, dass ich jetzt endlich krachen lasse. Genug rumgeheult. Gib ihnen Saures!

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Hehe! Good times!

Veröffentlicht in Retro

20 Kommentare zu „Es ist nicht mehr dasselbe …

  1. Du braucht also ein Neuralisator, der dir die Erinnerung der letzten 17 Jahre wegbrennt, mhhh…

    Benutze lilanes Tentakelkostüm in New Yorker Innenstadt vielleicht? Wer auch immer kommt, auf die eine oder andere Weise wirst Du vergessen ;).

  2. Ich bezweifle, dass in der New Yorker Innenstadt etwas mit mir passieren würde, würde ich da im lilanen Tentakelkostüm auftreten 🙂

    Es ist nur der Fluch der Erfahrung. Man will zwar ums Verrecken nicht mehr ohne sie auskommen, aber man vermisst manchmal doch die reine, elementare Freude des ersten Entdeckens.

  3. Und der Herr Harzzach spielt die gute, alte, ungepatchte US Version. Und hat auch noch die Traute, ausgerechnet DEN Stein des Anstosses als Screenshot zu posten.
    Persönlich greife ich alle Jahre wieder zu DooM II – nichts geht über diese Doppelläufige.

    Hachja, damals. Als es noch so einfach war, uns zu begeistern. Auch und gerade visuell.

  4. Deshalb spielte ich bisher KEIN Spiel ein zweites mal durch – dieser „kenne ich schon/gleich kommt XY/Taktik Z ist angesagt/Du musst so und so leveln/Diesen auftrag musst Du machen um 123 zu bekommen“ Effekt ist bei mir einfach zu ausgeprägt.

    Anspielen ja, immer mal wieder, aber durch? Nicht eines.

    Dann lieber Mods mit neuen Leveln, oder gleich total conversions – das zieht bei mir eher.

  5. Ich habe es glaube ich irgendwo in den Untiefen dieses Blogs schon mal geschrieben:

    Klein Joe war noch fünf Jahre von der Altersfreigabe weg, bekam von seinen Eltern einen wahrscheinlich ersten Artikel über „Killerspiele“ aus dem ehemaligen Nachrichtenmagazin vorgelegt, indem Doom rezensiert wurde. Die optimale Gelegenheit zum Rebellieren also. Es wurden Disketten freigeschaufelt und eifrig bei Freunden und ihren großen Brüdern herumgefragt. Einige Wochen später war die unkorrigierte US-Fassung* auf der Platte.

    Viel Freude an der Grafik hatte er nicht: Der Am386 präsentierte einen ruckelnden Pixelkrieg in einer Briefmarke. Dennoch war es eine neue Erfahrung, denn Joe lernte etwas ganz neues kennen, was danach nie wieder ein Spiel geschafft hat: Furcht. Furcht vor schlecht beleuchteten Maps und aus dem Hinterhalt angreifenden Sprites, deren gruselige Geräusche man schon km-weit vorher auf die Ohren bekam. Horror-Survival-Shooter eben mit Schauergarantie.

    Irgendwann fiel ihm dann mal eine Ausgabe der Unofficial Doom Specs in die Hände und er begann an Mapeditoren herumzuprogrammieren, deren Output dann irgendwann sogar mal funktionierte, als er einen Node Builder fand… Tja und seitdem ist Doom für Joe nur noch eine Sammlung Sectors, Linedefs, Sidedefs und Things… Die Immersion war futsch. 2.5D eben.

    *) die unkorrigierte US-Fassung verwendet ein in Deutschland verbotenes Symbol als Grundriß, welches man nur auf der Automap erkennen kann. Harzzach hat übrigens auf seinem Screenshot die korrigierte Fassung.

  6. Das ist eine gepatche Version. Wenn man genau hinsieht, erkennt man die zusätzliche Balken.

  7. Das Ging mir zuletzt mit WC und Diablo so…
    das alte Flair wollte irgendwie nichtmehr aufkommen – und ein bischen besser darf die Grafik dann inzw. schon sein.

    Gruß
    D.

  8. Das ist schon gut so wie es ist. Wenn du in deinem Alter zum ersten Mal die oben beschriebene Erfahrung machen würdest, wärst du vermutlich von der vorgegaukelten Realitätsnähe so überrollt, dass du hinter jedem Counterstrike Spieler einen Amokläufer vermuten würdest.

  9. Mir ging es kürzlich ganz ähnlich wie Harzzach, nur war es bei mir nicht Doom und die Aussicht aus dem Fenster, sondern bei mir war es meine Frau und die Aussicht auf ihre Brüste 😉

  10. Das kenn ich, aber im Unterschied zu den Brüsten deiner Frau schaut Doom heute noch genauso (oder besser) aus als vor 15 Jahren 🙂

    Gruß
    D.

  11. Ah, OK – ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil.
    Habe das Bild nicht in voller Größe betrachtet.

    Hmm, das gibt aber Abzüge in der B-Note.

  12. @Joe: Bei mir war das anders. Ich habe alle anderen Gebäude nur noch in Sektoren zerlegt und gegrübelt, wie sehr ich da jetzt mit den Texturen tricksen muss.

    Nachdem ich mich ja so grandios verrannt habe: Harzzach spielt also nicht nur die Mädchenfassung, sondern auch mit 3D Modellen.
    Irgendwie haben Letztere bei mir so gar keinen Charme. Ob DooM oder DN3D – die Sprites sehen in meinen Augen einfach besser aus.
    Liegt wohl daran, dass mein Hirn immer noch besser einen Haufen Pixel weichzeichnen kann, als aus verwaschenen Texturen was Scharfes zu generieren.

    Ich muss mich aber echt noch mal nach Ports umtun, irgendwie vermisse ich den einen, der Lichteffekte bei den Lampen-Decals hatte. *g*

  13. Mein bevorzugter Doom-Port ist PrBoom, der mit höherer Auflösung läuft und das Original-Look&Feel möglichst gut nachbildet.

    Der Port mit den Lichteffekten müßte Doom Legacy gewesen sein.

    Und natürlich sollte man Classic Doom 3 auch mal angetestet haben…

  14. Ich erinnere mich, als ich aus einer Mailbox mit dem guten Dr. Neuhaus Modem die Sharewareversion runtergeladen habe. Ein Freund war gerade bei mir und
    wir starteten das Spiel ohne grosse Erwartungen – Ultima Underworld hatte ich noch nicht in den Fingern gehabt.

    Und dann blies es uns weg vom Monitor. Was wir da sahen war so unglaublich, dass wir eher einen Film ablaufen wähnten als ein in Echtzeit berechnendes Spiel.

    In den kommenden Monaten hatte ich viel Besuch auch von eigentlich nicht spielenden Freunden 🙂

    Wenn ich mich daran erinnere im dunkeln vor dem Rechner mit Gänsehaut DOOM gepspielt zu haben, bei jedem Geräscuh zusammengezuckt – ein plötzlicher Besuch der Mutter im Jugendzimmer hätte zu einem frühen Ableben durch Infarkt geführt…

    Das kommt mir so weit weg vor, wenn ich jetzt Deine
    Screenshots betrachte…

    Ich denke wir können glücklich sein, diesen Moment damals live erlebt zu haben. Heute bewerben sich hier Leute als Praktikant bei mir, die in dem Jahr GEBOREN wurden, als Ultima 7 erschien.

    Hach…

  15. Btw. ich hatte oben noch gesagt, ich hätte nie ein Spiel noch einmal durchgespielt – nun ja, so kann man sich, so schnell irren, den ich bin am überlegen, ob ich System Shock nicht diese Ehre zuteil werden lassen sollte.

    Warum?

    Weil eine neue gemoddete EXE erstellt wurde, die, man glaubt es kaum, Mouselook bieten soll. Mouselook!!! Ich könnt heulen vor Freude (frei einstellbare Tasten und Auflösung, mei, Gimicks, aber Mouselook, Wahnsinn).

    P.S. Nein das war nicht so sarkastisch gemeint, wie sich das jetzt angehört hat, es ist tatsächlich der Teilbereich, der mich heute an SS am meisten stört – diese strunzdumme Steuerung.

  16. So geht es mir mittlerweile leider bei fast allen Spielen, das Gefühl, dieses Spiel meistern zu müssen, der Stolz, einen mächtigen Endgegegner besiegt zu haben, usw. Wenn ich mal was spiele, bleibe ich mittlerweile recht gelassen, aber kann dadurch leider nicht mehr so eintauchen. Allerdings – wenn ich z.B. zum dreißigsten Mal an der gleichen Stelle umgebracht werde, werde ich doch noch etwas emotional und die alte Gamer-Urmenschen-Gutturalsprache (Lovecraft wäre begeistert) bahnt sich ihren Weg aus meiner Kehle 😉

    Es kann aber ein Stück weit damit zu tun haben, dass ich heututage nicht mehr den ganzen Tag alleine in meinem Zimmer sitze – RealLife essen Immersion auf.

    PS: Nichts zum Thema aber fällt mir gerade ein: Kennt ihr die Gamerkrankheit, an der ich leide, ein Spiel mit großem Eifer bis kurz vors Ende zu zocken, aber dann keine Lust mehr zu haben? Liegt vielleicht daran, dass meistens nur noch der Schwierigkeitsgrad stark anzieht, aber nichts wirklich interessantes mehr kommt. Das blöde ist, dass ich ja weiterspielen könnte, aber nach Monaten so ein altes Savegame zu laden und dann in Endgameschwierigkeit die Spielskills erst wieder zu lernen macht auch keine Freude, so dass das Savegame dann eben unangetastet bleibt und beim nächsten Plattencrash in die ewigen Jagdgründe eingeht.

  17. Oh ja, DOOM – immer noch mein absolutes Lieblingsspiel. Aber nur die erste Episode von DOOM 1. Das hat mich damals so bewegt und geprägt wie kein anderes Spiel davor und danach. Wochenlang habe ich die Shareware-Version gezockt und mir an (heute) lächerlichen Monstern die Zähne augebissen – was wohl an meiner Auflösung von 160×100 lag, mehr schaffte mein 486er nicht. Und mit Maus spielen war nich – ich spielte das mit der Tastatur!

    Noch heute starte ich DOOM, sei es auf dem GBA, als Flashgame, als XBL-Download oder wo auch immer – und spiele nur die ersten paar Levels, mehr nicht. Und dann bin ich für 15-30 Minuten in der guten, alten Zeit. Ach ja. Die Jugend. Man kann sie nicht zurückholen… aber sie in die Erinnerung zu rufen kann nicht schaden. Und macht Spaß. Aber nur, wenn man weiß, wann man mit dem Flashback wieder Schluss sein muss.

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