Das Bessere ist der stete Feind des Guten

Vor anderthalb Jahren haben Nordic Games zur großen Überraschung aller Titan Quest-Fans das Spiel samt Addon als modernisierte und fehlerbereinigte „Anniversary Edition“ neu veröffentlicht. Und weil die Umsätze dieser Neuveröffentlichung offenbar richtig gut waren, also RICHTIG gut für ein zwölf Jahre altes Spiel (Platz 1 in den Steam-Charts in der Releasewoche, obwohl allen Steam-Vorbesitzer die Neuauflage kostenlos in den Account gelegt wurde), hat man sich wohl überlegt, wie man dieses überraschend große Interesse kommerziell nutzen könnte. Es wurde beschlossen ein neues Addon zu machen.

Mitte November ist dann NOCH überraschender „Ragnarök“ veröffentlicht worden.

Und zwar so überraschend, dass sich selbst auf der Webseite des Publishers kaum etwas zu diesem Addon finden lässt. Was man durchaus als Omen betrachten kann, aber dazu später mehr.

Die Geschehnisse in diesem Addon sind nach Immortal Throne angesiedelt, so dass man entweder wieder ganz von vorne beginnt, ein altes Savegame reaktiviert oder den Levelboost verwendet, der neue Charaktere direkt an den Anfang des Addons versetzt. Als jemand, der immer noch nicht genug von Titan Quest bekommen kann, habe ich natürlich frisch von vorne angefangen. Denn dass Addon kommt mit einer neuen Meisterschaft und dezenten Veränderungen in Sachen Loot und Gegnerplatzierung für die vorhergehenden Kapitel. Und gerade bei neuen Meisterschaften bevorzuge ich das gemächliche Kennenlernen und Aufleveln der neuen Fähigkeiten.

Ein Runenkrieger soll es also sein.

Der anfänglich auch mächtig Spaß macht, bis ich kurz vor Ende der Hauptkampagne merke, dass ich mich wohl fatalst verskillt habe, denn dem Char fehlt der nötige BUMMS, um gegen all das Kroppzeugs zu bestehen, welches mir das Spiel ab dem Wusao-Bergmassiv entgegenwirft. Ich schaue mir den Skilltree genauer an und stelle fest, dass ich ihn nicht verstehe. Ich werfe einen Editor an und resette alle Skillpunkte, setze sie vollständig neu. Es hilft nichts. Ich komme mit dieser Meisterschaft nur mühsamst und unter viel Schmerzen weiter. Ich gehe daher davon aus, dass ich die Runenmeisterschaft immer noch nicht verstanden habe und daher vollkommen falsch spiele. Oder ich spiele richtig, weil diese Meisterschaft für Masochisten ausgelegt ist. Wie auch immer, das geht so nicht weiter. Ich will endlich die Inhalte des neuen Addons sehen.

Ich fange mit einem Klassiker an, dem Briganten, einer Mischklasse aus Jagd- und Schurken-Meisterschaft, der zwar nicht soooo viel aushält, aber mit seinen vergifteten Pfeilen so ziemlich alle Gegner wegputzt und verlangsamt, bevor diese in Nahkampfreichweite kommen können.

Ohhh, es gibt neue Waffen für Fernkämpfer. Wurfwaffen. Äxte, Dolche, Sterne und Darts. Nett. Auch in der epischen Variante und als monsterspezifischer Drop. Schnell ist mein Brigant mächtiger als je zuvor. Mit einer im letzten Drittel der Hauptkampagne gefundenen Waffe spiele ich durch ganz Immortal Throne und weite Teile von Ragnarök. Wobei es ja nicht so ist, dass kein seltener Loot mehr droppt. Er ist einfach nicht so gut wie diese Massenvernichtungswaffe, die ich benutze. Ob das so sein soll?

Relativ schnell und vergleichsweise mühelos ist Hades erreicht und besiegt. Der neue Abschnitt beginnt und startet zuerst in einer griechischen Hafenstadt. Vertrautes Gelände, vertrautes Art Design, neue Monster. Dann geht es über die Dardanellen, das Schwarze Meer und die Donau flußaufwärts ins tiefste Suebia. Wir stehen in Germanien. JETZT fängt das Addon eigentlich an.

Ab diesem Punkt merkt man deutlich, dass ein anderes Team zu Gange war. Es kommt ein spürbar anderes Art Design zum Tragen, welches dem des ursprünglichen Entwicklers Iron Lore sehr stark ähnelt, aber nicht identisch ist. Schlimm ist das nicht, es fällt nur auf. Farben werden einen Tick ZU unterschiedlich verwendet, es wirkt einen Hauch zu bunt, weniger einer stringenten Farbpalette untergeordnet, wo Farbakzente bewusster eingesetzt werden. Item-Graphiken fehlt eine ganz bestimmte „Volumität“ auf Grund einer leicht veränderten Schattendarstellung. Wen so etwas stört, der bekommt den Eindruck einen eher mittelprächtigen Fan-Mod zu spielen, dem ein guter Graphiker gefehlt hat und kein Produkt eines professionelles Teams. Mir persönlich fällt es zwar auf, aber es stört nicht über Gebühr.

Die Maps sind riesig. RIESIG! Beeindruckend ist ein Abschnitt, wo man sich durch eine zugefrorene, vereiste Flußschleife kloppt und sich ganz ungewohnt das Gefühl einschleicht sich eventuell „verlaufen“ zu können. Es lohnt durchaus vom Weg abzuschweifen, Ragnarök ist weniger linear als die Vorgänger, ein Hauch von Open World weht durch das Spiel. Zwar nur ein kleiner Hauch, weil es immer noch ein straightes Gegnertotklick-Spiel ist, aber immerhin.

Auch Quests müssen teilweise erst entdeckt werden. So stoße ich hin und wieder auf gut versteckte Eingänge zu Bereichen, die mir nicht (noch nicht?) zugänglich sind. Mir fehlt die Quest dazu. Ich spiele weiter und habe nach Abschluss der Story immer noch keinen Zugang … weil ich die Quest dazu noch nicht entdeckt habe?

Ja, Ragnarök ist groß geworden. Man kann Dinge übersehen.

Daher ist auch die Spieldauer erheblich. Grob geschätzt der doppelte Umfang von „Immortal Throne“. Ich bin eine Weile beschäftigt, bis der Endgegner fällt. Der dann auf Grund meiner Massenmörder-Skillung und dem darauf abgestimmten Equipment an Gift- und Blutungsschaden ziemlich schnell verreckt, während ich entspannt um ihn herumzirkele und nur ab und an meine DoTs auffrische, aber daran bin ich ja selbst Schuld 🙂

Taucht Ragnarök also was?

Hmmm, jain! Eigentlich schon, aber …

Wie? Nicht gut?

Doch. Sehr ordentliche Leistung des neuen Teams. Aber ausbaufähig …

Gut, die Sache mit dem leicht unterschiedlichen Art Design ist kein Dealbreaker, weil Ragnarök nicht häßlich ist. Halt nur einen Tick anders aussieht.

Problematisch ist eher das Balancing. Als ich den finalen Gegner lege, besteht meine Ausrüstung mehrheitlich aus Items aus Immortal Throne und sogar dem Hauptspiel. Teilweise, weil z.B. an Schmuck (Ringe, Halsketten) einfach NICHTS droppt (und wenn, dann nur langweilige Yellows mit Affixen, die mein Char nicht benötigt). Teilweise, weil die früher gefundenen Items so derart gut aka übermächtig sind, dass ich den Lootfilter irgendwann auf Epic stelle, weil eh nichts Gescheites mehr kommt. Gerade in einem Spiel, wo die Lootspirale einen wichtigen Faktor in Sachen Spielspaß darstellt, geht das eigentlich gar nicht.

Ärgerlich sind auch eine ganze Reihe von Bugs. Quest-NPCs lassen sich erst nach Neustarts ansprechen, Quests selbst sind mitunter fehlerhaft. Und das altbekannte, mit der Anniversary Edition eigentlich gefixte Rubberbanding ist mit Ragnarök wieder zurück. Gut, Bugs lassen sich fixen und es wurden bereits Patches veröffentlicht, das Addon kommt jetzt deutlich stabiler und fehlerfreier daher, aber der Eindruck eines etwas überhasteten Releases bleibt.

Ragnarök macht vieles richtig, bzw. setzt das fort, was vorher etabliert wurde. Schnörkelloses, solides RPG-Action-Gekloppe. Wer Titan Quest mochte, wird auch damit glücklich werden.

Ragnarök könnte aber besser sein.

5 Kommentare zu „Das Bessere ist der stete Feind des Guten

  1. Als chronisch berufskranker Grafiker kamen mir schon die ersten Screenshots wie eine Fan Mod vor. Titan Quest sah damals richtig chic aus – es hatte die Wohlfühlatmosphäre eines Age Of Empires und das hat für mich die hälfte des Reizes ausgemacht. Gut das mir das Hauptspiel mit Erweiterung genügt und genug Zeit verstrichen ist, um sich diesem mal wieder zu widmen.

    Wobei ich gestern eine Switch gekauft hab. Mit Zelda. Mal schauen ob es diesmal mit mir und den Handhelds funkt oder ich doch wieder lieber am PC sitze. Danke für den Bericht!

  2. OT: Es gibt neues Futter auf Netflix 🙂 …bin gespannt auf deine Rezension Harzi falls eine kommt, aber da bin ich mir fast sicher, so selten wie man Cyberpunk sonst in der Glotze sieht^^

  3. Sehr gut, bei mir hats arbeitsbedingt auch erst zu 2 Folgen gelangt. So viel kann ich sagen, bis hierhin war es spannend und mein Interesse ist mehr als geweckt. Musste mich gestern zwingen aufzuhören, aber der Zaster, der auch letztendlich mein Netflixabo bezahlt, will ja auch irgendwo beigeschafft werden und das geht in meinem Fall überwiegend nur ausgeschlafen 🙂

  4. Immerhin kann man sich bei Haus-Serien Zeit lassen. Geringe Gefahr, dass der Inhalt plötzlich delisted wird.

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