Das Spiel zur Weltpolitik

Als vor sechszehn Jahren (effin fuck, schon 16 Jahre?), als also vor sechszehn Jahren „Generals“ den digital spielenden Teil der Menschheit beglückte, da gehörte ich zu den Vertretern des digital spielenden Teils der Menschheit, denen angesichts der Aktualität der Ereignisse (nur wenige Wochen nach dem Release des Spiels begann die Invasion des Iraks) der Spielspass im Halse stecken blieb.

Erst später wurde mir bewusst, dass Betroffenheit keine Probleme löst und dass „Generals“, im Gegensatz zu so manchem Military-Shooter, alles andere als ein bierernstes, ironiefreies Propagandaspiel im geistigen Auftrag der US Army war.

„Generals“ übt keine Kritik, „Generals“ nimmt keine besondere Position ein. „Generals“ ist eigentlich nur eine vollkommen überkandidelte Geschmacklosigkeit, eine haargenau durchkalkulierte Provokation, die zumindest meiner Meinung nach genau mit diesem Ansatz genau die richtige Art darstellt, mit dem Irrsinn umzugehen, den wir seit Jahren aus den Nachrichten kennen. Man kann jeden aktuellen Tagesbezug ignorieren und sich einfach nur damit entspannen oder man beginnt über die aktuellen Tagesbezüge zu lachen. Nicht, weil es lustig ist, wenn Soldaten durch Autobomben die Beine zerfetzt werden oder ganze Familien bei einer Routinekontrolle erschossen werden, weil die Wachsoldaten mit der Situation überfordert sind. Es ist nicht lustig, wenn man mit ansehen muss, wie im Fahrzeug voraus Kameraden verbrennen oder der Glaubensbruder in seinem eigenen Kot verreckt.

Das ist alles so nicht „lustig“ oder gar so toll, dass man schnurstracks zur nächsten Meldestelle rennt, sei sie im Armenviertel von Detroit oder in der Altstadt von Islamabad. Weit davon entfernt.

Es ist aber lustig, weil man, anstatt bestürzt und betroffen das Elend der Welt zu beklagen, plötzlich anfängt über diesen Irrsinn zu lachen. Man lacht über die Irren auf allen Seiten. Man lacht über die nach Rechtfertigung stammelnden Politiker, wenn sie beim Dummrumlügen ertappt werden und ihre Propagandamärchen auffliegen. Man lacht über die durchgeknallten Mullahs, die mit Schaum vor dem Mund ihre eigene Beschränktheit zelebrieren. Man lacht über alle Populisten, Schaumschläger und Möchtegernbrandstifter, gleichgültig welchen Fall sie gerade verwenden, um ihr eigenes Süppchen kochen zu können.

Man lacht über diesen ganzen Irrsinn und fühlt sich danach freier. Man beklagt nicht das Elend der Welt, an dem man größtenteils auch kein Stück ändern kann. Man lacht über Dinge, die man nicht ändern kann. Was sehr hilfreich ist sich locker zu machen und sich zu überlegen, was man denn selber, hier und jetzt tun kann, um die Welt hier und jetzt, um sich herum, ein klitzeklein wenig schöner und besser zu machen.

Dies alles kann man tun.

Man kann auch einfach nur „Generals“ aus dem Regal holen, wo meine schöne Import-Packung mit dem Chinesen-Cover (ich hatte mir das von Kollegen aus den USA mitbringen lassen, das GLA-Cover gab’s leider nicht mehr) ein wenig Staub ansetzt und für einige Stunden nachrichtentechnische Depressionen mit Air Strikes, Kernwaffen und dem großflächigen Einsatz biologisch-chemischer Kampfstoffe wegzocken.

„It burns, it burns … GET IT OFF ME!!!“

Hehe!

Lieber lachen, als betrübt in der Ecke hocken und schmollen.

Zumindest mir hilft das hin und wieder … rumms!

cc_nuke

6 Kommentare zu „Das Spiel zur Weltpolitik

  1. Ach, was für ein schöner Eintrag. Danke dafür.
    Mit Generals bin ich selbst nie warm geworden. Ich mochte die Grafik damals schon nicht oder die Ästhetik. Irgendwo zwischen anvisierten Photorealismus und Red Alert’schen Signalfarben hat mich das schon auf Screenshots verloren. Und in Bewegung ist das Ding auch immer schon hässlich gewesen. Und das Gameplay…ich glaube nach Red Alert 2 war ich aus RTS rausgewachsen. Oder habe erkannt, dass mit meinen Skills selbst in SP-Kampagnen keinen Blumentopf gewinne, Sympathie für Genre und einige Vertreter hin oder her.

    Aber wo wir gerade von RTS und Sympathie sprechen, fällt mir das KKnD Fanprojekt wieder ein, das tatsächlich kürzlich released wurde.
    https://www.kknd-game.com/
    Das war schlechter als C&C. Aber hatte zweifellos die cooleren Ideen in einem cooleren Setting.

  2. Chapeau! Gute Worte. Natürlich sollte man auch hier und da bei nem Bier sich den Frust der ganzen Verbrechen von der Seele reden. Aber mal ne Runde Delta Force 2 – America Fuck yeah – durch den Dschungel ballern – das macht Spaß, das ist irgendwie abstrakt genug um mal den Kopf abzuschalten.

    Wenn der liebe Opa wieder die falschen Parteien hochlobt, tu‘ ich mich schwer nur darüber zu lachen. Auch wenn es da ganz bestimmt das einzig richtige Verhalten wär 😉

  3. Naja, das eigentliche Spiel zur Weltpolitik wäre Civilisation, egal welche Version. Läuft doch immer ähnlich und unumkehrbar auf den Nuklearen Erstschlag aus, oder? „Boah, der hat da noch fette Resourcen die ich gaaaanz dringend brauche“, gleich mal einmarschieren.
    Ich fand das hatte immer deutliche Parallelen zur Wirklichkeit, wenn auch nicht unbedingt immer nuklear…

    C&C Generals zero hour + shockwave mod haben wir damals eeecht lang und viel gezockt. Auf der höchsten Schwierigkeitsstufe hat der Comp zwar echt übel beschissen, aber das war für coop matches genau die richtige Herausforderung. Spassige Zeiten, trotz Napalm, Anthrax und co 😀

  4. Civilization zeigt mir nur, dass nukleare Erstschläge lediglich aus purer Langeweile heraus veranstaltet werden 🙂

    „Hach, das läuft alles so gut, mein Volk und meine Nachbarn lieben mich, ich bin der Allertollste … und mir ist sooooooo fad!“

    *rumms* *allgemeines entsetzen*

    „Ok, schon besser!“ 🙂

  5. Bei mir war es eher der Zorn über irrational handelnde Griechen der zum nuklearen Erstschlag geführt hat.

    Grieche:“Hey, hör auf so nahe an meinem Reich zu siedeln.“
    Ich(ein guter und Friedfertiger Nachbar):“Ok, ich kann mich sicher ein paar Siedlungsfelder zurückziehen wenn du dich dann besser fühlst.“
    Grieche:“Dankeschön. Ich benutze jetzt meine Spezialfähigkeit und übernehme ohne Krieg deine Grenzstadt.“
    Ich (ein verständnisvoller Nachbar und hilfsbereiter Mensch):“ Was hast du gesagt? Du möchtest jede einzelne deiner Stadt in einem Nuklearen Fallout untergehen sehen? Bitteschön.“

    Zwischen Stadtübernahme und Bombenregen lagen glaube ich auch ein paar Runden Krieg. Wenn ich mich Recht entsinne so von Mittelalter bis moderne.

  6. Was „Irrationalität“ betrifft, so ist der RND-Faktor bei manchen KI-Führern sehr realistisch. Hat eigentlich keine Chance gegen meine Ressourcenmenge und Technik, greift trotzdem an, kann in der ersten Welle eine Grenzstadt erobern und wird dann zwangsläufig von der Weltkarte gefegt. So als ob die KI angesichts meiner friedfertigen Spielweise annimmt, ich würde sofort einknicken und Frieden schliessen, sobald ich eine Stadt verliere.

    Pustekuchen! Ist immer lustig, wenn ich dann meine Kampfroboter (spiele immer den NextWar-Mod von Civ 4) gegen frühe Tanks und Doppeldecker aussende. Civ 5 ist mir fast zu … friedlich, denn sobald ich meine Nachbarn religiös dominiere, wagt keiner Krieg gegen mich anzufangen. bzw. knickt schnell wieder ein. Civ 6 kenne ich noch nicht, da warte ich wieder das letzte Addon ab, bevor ich zum Kauf schreite.

    Ansonsten geht nix über die Planetenkrustenbombe von Alpha Centauri. „Oh, ist das nicht eine schöne Meeresbucht, dort, wo früher Deine Hauptstadt war? Nicht?“. Blöd ist hier nur, dass nach ihrem Einsatz alle anderen (inklusive der Planetenintelligenz) Dir sofort den Krieg erklären, gleichgültig Deines Vertragsstatus mit ihnen.

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