Failing to Fail: The Spiderweb Software Way

Jeff Vogel, der Gründer von Spiderweb Software, ist ein Urgestein der Indie-Szene, denn er war ein Indie, noch bevor es den Begriff und die Szene an sich überhaupt gab.

Seit Mitte der 90er hält er sich mit seinen äusserlich primitiv erscheinenden Rollenspielen über Wasser, unterstützt von seiner Frau, wenigen festangestellten Mitarbeitern, einigen Freelancern und jeder Menge wiederverwendeter Art Assets.

Selbst kenne ich nur eines davon: Avadon: The Black Fortress. Ausufernd, groß, vielfältig und mehr sinnvolle spielerische Freiheit als in jedem zusammengewürfelten OpenWorld-, Sandbox-Titel von Heute, wo man keine Rolle spielt, sondern nur Besucher in einem Theme-Park ist. Aber auch anstrengend, gerade WEIL man tatsächlich eine Rolle spielt und alles selber entscheiden muss.

Auf der letztjährigen GDC hat er einen Vortrag gehalten, in dem er versucht eine Antwort zu geben, warum er seit Mitte der 90er im Geschäft geblieben ist. Er versteht sich dabei selbst nicht als typischer Spiele-Entwickler, als Programmierer oder F2P-Geschäftsmodellimplementierer, sondern explizit als Spielzeugmacher. Was zumindest für mich vieles erklärt.

Jeff spricht nicht wirklich viel über die Entwicklung von Spielen. Er streift nur kurz und oberflächlich seinen Design-Prozess, der sich erschöpft in: Ich mache das Spiel, welches ich selbst spielen möchte!

Nichts in seinem Vortrag ist nützlich für Leute, die wissen wollen, wie man Spiele macht. Aber vielleicht werden ein paar Dinge erwähnt, die hilfreich sind, wenn man Jahrzehnte in diesem Business überleben will.

Abgesehen davon, dass er wie ich ein alter Sack ist, dessen Erinnerungen an Damals™ für junge Menschen surreal und unwirklich erscheinen mögen (pets.com? muhahahahaha!! endgeiler new economy-shice!), so enthält sein Vortrag einige weise Dinge, die sich nicht nur angehende Videospiel-Entwickler zu Herzen nehmen sollten:

  • Sei nett und unkompliziert. Sogar zur Konkurrenz, denn das Geschäft alleine ist schon hart genug.
  • Es gibt immer einen gewissen Prozentsatz von Menschen, die gemein und Arschöcher sind. Du kannst das nicht ändern. Akzeptiere es.
  • Schotte Dich von Menschen ab, die nichts Gutes im Sinne haben.
  • Habe Glück! Viel davon!!

Und er sagt denen, die sich darüber beschweren, dass Valve 30% vom Umsatz nimmt, dass er alles, was Valve für den Entwickler tut (Abwicklung von Payment-Prozessen samt Payment-Support, Hosting usw.), früher selber getan hat und die Leute froh sein sollen, dass Valve nur 30% nimmt. Weil das alles selber zu machen nämlich mehr kostet als nur 30% vom Umsatz.

Aber erzähl das mal einem Entwickler, der nur Ahnung vom programmieren, aber nicht von Buchhaltung hat … ach ja, ein letzter Tipp von ihm:

Besorge Dir jemanden, der weiß, wie man Buchhaltung und Steuern macht!

Gerade hier muss ich Jeff Vogel uneingeschränkt zustimmen. Es ist mitunter erstaunlich, in wie vielen Firmen gerade dieses Thema sträflichst vernachlässigt wird. Gerade im ultraendgeilen IT-Umfeld, wo man als Start-Upper felsenfest von seiner eigenen Geilheit überzeugt ist.

Ich habe miterlebt wie die Geschäftsführung eines damals™ großen deutschen Internet-Portals es ums Verrecken nicht verstehen wollte, dass das neue, endgeile Produkt gegen diverse Gesetze verstößt. Sie wollten es auch dann nicht verstehen, als die ersten Abmahnungen eintrudelten und erst der Aufsichtsrat aktiv werden musste, um nicht nur finanziellen Schaden zu verhindern …

Ja, ich hab’s schon kapiert. Opa erzählt wieder Geschichten aus’m Kriech! 🙂

Wünsche Euch trotzdem viel Spaß mit Jeff Vogel!

13 Kommentare zu „Failing to Fail: The Spiderweb Software Way

  1. pets.com ist wirklich eine WEILE her.. Zu der Zeit war ich eher auf web.de (war schon ganz früh mit dabei im Internet) und aufgrund meines damaligen Alters besonders viel funonline.de wenn das noch jemanden was sagt ^^

    Aber leider 0 Ahnung auf welches deutsche Portal du anspielst GRRRUMML

  2. Du hast es schon selbst genannt 🙂

    Die Vertragsbedingungen des WEB.DE-Clubs waren höchst grenzwertig, um es mal höflich auszudrücken. Da hat die Firma erst mal ein Jahr lang Prozess um Prozess verloren, hat viel Geld wegen Abmahnungen zahlen müssen und erst auf Intervention des Aufsichtsrates wurden die entsprechenden Passagen geändert. Der Vorstand war nämlich der Meinung, dass man die Kunden mit unklar formulierten Kündigungsbedingungen, versteckten Kündigungsoptionen und Psycho-Fallen zum Abschluss eines kostenpflichtigen Club-Accounts malträtieren darf. Da haben alle Mitarbeiter, die mit diesem Projekt betreut waren, klipp und klar gesagt, dass dies nicht geht, nicht erlaubt ist, nur Ärger gibt. Wurde alles großkotzig ignoriert.

    Als der Laden dann durch die geschmähte Konkurrenz, durch 1&1 aufgekauft wurde, habe ich vor Lachen fast einen Zwerchfellriß bekommen …

  3. Spiderweb, grandiose Rollenspiele, ich habe etliche davon gespielt, ein paar sogar vollständig absolviert. Exile war damals eine Offenbarung und ich habe immer versucht, selbst solch ein RPG zu entwickeln. U.a. wegen dieser Spiele biete ich auf meiner Website heute auch noch Tools für die eigene Entwicklung an.

    Queen’s Wish ich komme!!

  4. Welches seiner Spiele wäre für einen vollkommen unbeleckten denn ein guter Einstieg?

  5. @Boreas:
    Ich würde dir zu Avadon: The Black Fortress raten. Nicht abschrecken lassen vom vielen Text, davon leben diese Spiele und man kann wirklich gut eintauchen in die Welt. Eine großartige Geschichte! 🙂

  6. Umso älter ich werde umso mehr sehe ich, dass viele Unternehmen einfach nur „Glück haben und selbstfeiern“ als Geschäftsmodell haben. Bei einigen geht es gut, bei vielen nicht. Die, die Glück haben feiern sich noch mehr, bis es halt nicht mehr funktioniert. Schon erstaunlich wie simpel die Welt doch manchmal erscheint…

  7. Dem ist tatsächlich so. Da kannst Du als Firma alles objektiv richtig gemacht haben, aber wenn zum fehlenden Glück auch noch Pech dazu kommt …

    Schau Dir nur mal PUBG und Fortnite an. Beide Spiele haben das Genre Battle Royale nicht erfunden, Fortnite war sogar eine Art letzte Rettungsaktion von Epic, nachdem weder Paragon noch das neue Unreal Tournament entsprechend Zuspruch finden konnten … und dann explodiert zuerst PUBG und danach Fortnite. Und zwar NOCH GRÖSSER als PUBG.

    Vorhersehbar? Planbar?? In keinem der beiden Fälle. Ursache? Pures, reines Glück mit genau der richtigen Mischung zum genau richtigen Moment an den Start gegangen zu sein.

  8. Harzzach, ja stimmt ich kann mich an den Bildschirm erinnern, wenn man sich nicht ausgeloggt hat:

    Mittig zentral ein großes Bild mit „Weiter zu E-Mail“ und superkleinem Sternchen dass man dem web.de-Club beitritt und irgendwo verloren im Hintergrund versteckt, „nein, danke“.
    Klar diese Art machen viele Firmen, aber nicht so dreist wie web.de

    Schöne Analyse mit PUBG. Trifft mich als Startup-Gründer ein bisschen hart ^^
    Wobei selbst oder gerade die (vermeintlich?) seriösen Vorzeige-Unternehmen (VW, Intel, Bayer etc.) selbst vor dreckigen Methoden nicht zurück schrecken, um oben zu bleiben.

  9. Ich hatte den Vortrag letztes Jahr schon gesehen, seitdem sogar noch ein zweites Mal angeschaut.
    Jeff Vogel und Spiderweb sagten mir zuvor gar nichts, aber der Mann ist unglaublich unterhaltsam und der ganze Vortrag von vorne bis hinten äußerst interessant. Und für uns alte Säcke gibt’s den Nostalgia-Trip noch gratis obendrauf.

  10. Mir scheint, je größer eine Firma, desto größer auch die Chance, dass Knallköpfe etwas zu sagen haben.
    Bei kleinen Firmen übernimmt dafür gerne die Büroktratie die Simulation einer störenden und sinnlose Arbeit erzeugenden Konzernzentrale.

    Die einzige Branche in der ich gearbeitet habe, in der sich letztendlich der mit dem meisten Sachverstand durchsetzt war das Handwerk. So viele Fehler es auch dort geben mag, aber am Ende muss halt was fertig sein. Ganz pragmatisch.

  11. Jeff Vogel ist einer von denen, die ihre Nische gefunden haben, sich darin wohlfühlen und diese Nische nach und nach für die Spieler immer komfortabler ausgestalten (Verbesserung der Spielengine, bessere Assets, Vertiefung von Lore und Spielwelt, besserer Schreibstil).
    Gleichzeitig bleibt er bodenständig genug, um weiter Brötchen zu backen, die er im eigenen Ofen herstellen kann. Er kommt nicht aus Gier auf die Idee, an die Börse gehen zu wollen und ist zurückhaltend genug, um unabhängig von anderen als seinen eigenen Interessen zu bleiben, wirtschaftlichen wie auch gestalterischen.
    Er hat seit den 90er Jahren seinen treuen Stamm von Kunden/Fans, die sich gemeinsam mit ihm darüber freuen können, in den riesigen Spielwelten von Exile/Avernum oder Avadon immer wieder auf kleine Verbesserungen oder neue Details zu stoßen.

    Bei einer Neuauflage von Geneforge wäre ich auch gerne mit von der Partie.

    Tales of Maj’Eyal, das langjährige Projekt von Nicolas Casalini, ist auch so eine Spielwelt, die über lange Jahre weiter verbessert und neu aufgelegt wurde. Auch ToME hat seine Fans, die genügend Interesse und finanzielle Unterstützung aufbringen, dass das Spiel weiterentwickelt werden kann.

    Tatsächlich ist es ja so, dass mit den derzeit nutzbaren Spielengines/Toolsets jeder mit hinreichend Ausdauer und genügend Hingabe zum Jeff Vogel der nächsten Generation werden könnte.

    Siehe Project Warlock, siehe Astrox Imperium, siehe Kenshi.

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