Eine unvollständige Review von Wolfenstein – The New Order

Eigentlich wollte ich mirWolfenstein: Youngblood zulegen. Weil halt Wolfenstein und weil endlich mit dem ganzen unzensierten Nazi-Gedönskram. Gerade noch rechtzeitig mitbekommen, dass Bethesda die Erfolgsformel vergangener Wolfenstein-Titel in Richtung Destiny/Anthem/Apex-Coop und Ingame-Shops hingebogen hat. Gut, mit mäßig leistungsfähigen KI-Begleitern, Healthbar-Anzeige über Gegnern und Bulletsponge-Eigenschaften selbiger könnte ich notgedrungen leben, aber auf Ingame-Shop habe ich keinen Bock. Für WoW mache ich eine EINZIGE zähneknirschende Ausnahme, ansonsten kann mir der Shice gestohlen bleiben, ich will das nicht.

Der Wolfenstein-Hunger wühlt aber immer noch durch meine spielerischen Eingeweide. Was tun? Hey, dieses Raven Software-Wolfenstein von 2009, das hast Du ja nie richtig gezockt … nun, das war zwar gar net so übel, aber Hunger habe ich immer noch.

Dann ist mir im Zuge meiner aktuellen Wolfenstein-Manie ein kleiner Fauxpas unterlaufen. Ich habe mein Bewusstsein mit bewusstseinsverändernden Substanzen verändert. Nein, das ist nicht der Fauxpas. Der besteht darin auf Grund der Art und Weise, wie ich Zeit wahrgenommen, die zeitlichen Kausalitäten dann durcheinander gebracht und auf der Basis von Informationen aus der Zukunft Handlungen in der Vergangenheit vorgenommen habe.

Die Information aus der Zukunft besagt nämlich, dass Bethesda alle älteren Wolfenstein-Spiele auch in der unveränderten US-Version in Deutschland anbietet. Bethesda tat dies, weil die USK endlich mit der Zeit gegangen ist und seit 2018 die Sozialadäquanzregel, die man auf Filme anwendet, nun auch auf Spiele anwendet. New Order, Old Blood und New Colossus wurden daher zur Neuprüfung vorgelegt und entsprechend durchgewunken, so wie man das mit Youngblood getan hatte. Da ich den linearen Ablauf der Zeit, den wir im herkömmlichen Bewusstseinszustand erleben, dabei leider außer Acht ließ, befanden sich plötzlich Wolfenstein – The New Order und Wolfenstein – Old Blood in der Steam-Bibliothek meiner Vergangenheit, BEVOR Bethesda die US-Versionen auch im Deutschland der wahrgenommenen Zukunft anbietet.

Das ist nur deswegen etwas ungeschickt, weil nun das Bethesda der Vergangenheit (oder das der Gegenwart? Himmel, ist das immer kompliziert!) annehmen könnte, dass ich als Deutscher kein Problem mit der geschnittenen deutschen Version habe und man somit weniger Anreiz hat sich um einen eventuellen Release der US-Version in der Zukunft zu kümmern. Gut, von alleine meinem Kaufverhalten wird sich Bethesda natürlich nicht beeinflussen lassen (hat man ja in der Vergangenheit schon nicht), es ist mir trotzdem etwas peinlich.

Kinder, lasst die Finger von Substanzen, die einen Zeit gleichzeitig und nicht linear wahrnehmen lassen, wenn ihr damit nicht umgehen könnt!

Anyway, was soll ich jetzt mit diesen beiden Titeln im Steam-Account? Refund? Hmm, zuerst will ich wissen, welches Ei ich mir hier gelegt habe und starte The New Order. Vielleicht isses ja net so chlimm?

Nach 103 Minuten komme ich zum Schluss, dass ich einerseits doch einen Refund beantrage (der auch prompt gewährt wurde) und andererseits die US-Version weiterspielen werde.

Durch die Ersatzsymbolik und die fehlende englische Sprachausgabe leidet die Spielatmosphäre doch deutlich. Wenn ALLE Charaktere im Spiel deutsch reden (anstatt Englisch, Polnisch, Jiddisch und eben Deutsch) und dann noch in der typisch akzentfreien, glatten Aussprache deutscher Synchro-Studios … fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass die deutschen Sprachaufnahmen des US-Originals (alle Nazis reden selbstnatürlich Deutsch) teilweise (oder zur Gänze, das habe ich nicht herausfinden können) NOCHMALS NEU vertont wurden. Was sehr tragisch ist, denn im US-Original werden alle deutschen Texte von deutschen Profi-Sprechern gesprochen, teilweise mit leichten (!) Akzenten. Franken, Bayern, Hessen und Hanseaten bereichern die Tonspur ungemein. Im Gegensatz zu greulichen Versuchen wie damals bei Baldurs Gate, ist „Deutscher Dialekt“ hier nicht nur gut gelungen, sondern fundamental für das Setting. Ganz großes Lob! Für die US-Version. In der deutschen Version, zumindest nach 103 Minuten, größtenteils Fehlanzeige. Alles glattgebügelt, alles Hochdeutsch, ohne eine Abmischung oftmals auch noch unpassend zur Umgebung.

Sicher, wenn man nur die deutsche Version kennt, kein Englisch kann und generell keinen großen Wert auf so etwas legt, ist das nicht weiter tragisch. Ballern ist international und braucht keine Übersetzung. Mir hingegen rollen sich die Fußnägel auf und irgendwann reicht es dann.

Also wird im Backup nach der US-Version von The New Order gesucht, die ich mir damals zwar gezogen, aber interessanterweise nie richtig gespielt hatte. Ahh, samt Update, fein.

Nun, allen Lobeshymnen, die man damals über The New Order ausgeschüttet hat, kann ich nur zustimmen. Optik, Soundeffekte, Musik und Sprachaufnahmen sind von höchster Produktionsqualität. Technisch merkt man dem Spiel seine unglückselige idTech 5 fast nicht an, die Textur-Streaming-Probleme, die Rage stark geplagt haben, treten hier kaum noch auf.

Spielerisch ist das ein straighter, unkomplizierter Shooter, dessen RPG-Elemente so unauffällig in das Gameplay integriert wurden, dass man irgendwann anfängt freiwillig auf die Jagd nach den sog. Perks zu gehen, welche dem Spieler aus vier verschiedenen Gameplay-Stilen Vorteile gewähren. Man kann es aber auch lassen, das Spiel zwingt mich zumindest auf dem zweitleichtesten Schwierigkeitsgrad nicht dazu. Die unauffällige Optionalität des Perk-Features gefällt mir ausserordentlich gut.

Die in nicht wenigen Reviews immer vorgebrachte Meinung, The New Order sei ja sowas von Oldschool, ist dabei bitte zu ignorieren. NICHTS an The New Order ist oldschool. Das ist ein lupenreiner Konsolen-Shooter, der lediglich auf damals aktuelle Trends wie Automatic Cover oder Autoheal verzichtet, dem Spieler stattdessen Armor- und Health-Pickups, sowie eine dedizierte Armor- und Health-Anzeige mitgibt. Sicher, für Leute, die Shooter nur von Konsole und dort nur seit Mitte/Ende der 2000er kennen, mag dies geradezu prähistorisch erscheinen, aber … TNO oldschool? Nä, im Leben nich!!

Über den im Spiel verteilten Sammelkram kann man selbstredend auch geteilter Meinung sein, aber Zeugs um des Zeugs Willen zu sammeln (bzw. für den 100%-Score am Levelende), das gehört zu Wolfenstein seit Hans Grosse „Mutti“ sagt. Und ich will nicht auf schicke Plattencover verzichten, wie die Originalausgabe der Hitsingle „Mond, Mond, Ja, Ja“ aus dem Album „Das blaue U-Boot“ der Sängergruppe „Die Käfer“.

Von daher … bassd!

Weniger freudig erlebe ich das Savegame-System, welches nur über Checkpoints realisiert wurde. Meistens sind die Checkpoints halbwegs akzeptabel gesetzt, aber manchmal muss man sich wieder und immer wieder durch Gegner kämpfen, die schon beim ersten Mal kein Problem waren. Das hätte man gerade für die PC-Version anders lösen können … wenn man es gewollt hätte.

Etwas schade ist der Umstand, dass der Stealth-Pfad im späteren Spielverlauf, gerade als man die richtig guten Perks bekommen hat, ziemlich sinn- und nutzlos wird, weil man gegen immer mehr gepanzerte Elite-Soldaten und Roboter antreten darf, die sich natürlich wenig von meinem Messer beeindrucken lassen. Das hätte man besser lösen können. In dem man statt vier nur drei Perk-Pfade anbietet (Tactical und Assault könnte man ohne Weiteres vereinen) und dafür das Spiel so balanced, dass es alle drei Pfade wert sind bis zum Ende vollständig beschritten zu werden. Ist nicht passiert, eine verschenkte Möglichkeit.

Eine extra lobende Erwähnung bekommt der Kampf gegen den London Monitor, einer riesigen Kampfmaschine, der man nicht einfach dreissig Quadrillionen Hitpoints gegeben hat. Nein, mein Herr, dieser Kampf erfordert eine ausgefeilte Taktik … auf die man durch NPCs immer wieder hingewiesen wird, so dass sehr schnell klar wird WAS man tun soll und der Spieler jetzt nur noch die Herausforderung des WIE vor sich hat. Zudem gibt es Rückzugsgebiete, in denen man immer (!) sicher vor den Attacken des Monitors ist, auch wenn dieser mit der Zeit den Rest der Arena in Trümmer legt. So dass man verschnaufen, beobachten, denken und überlegen kann. So gefallen mir Bosskämpfe in Shootern. Bitte mehr davon!

An dieser Stelle und ganz bewusst mit der lobenden Erwähnung DIESES Bosskampfes beende ich meine Besser-spät-als-nie-Anmerkungen zu Wolfenstein – The New Order. Weil das Spielende mit seinen beiden finalen Bosskämpfen, das lasse ich einfach weg, sonst würde mein positives Urteil zu TNO um Größenordnungen weniger positiv ausfallen.

Wer keinen Spaß an hinweisfreiem Rätselraten und einem nicht aufhören wollenden Laden des jeweils letzten Checkpoints hat, der mache hier nämlich folgendes:

  1. Öffnen der Konsole und Eingabe von cvarAdd g_permaGodMode 1
    Dies aktiviert den Godmode. Sollte man sich vorher ins RAM legen, wo man es mit Ctrl-V in die Konsole pasten kann, weil das Spiel mit offener Konsole nicht pausiert.
  2. Man lese nach, wie der Prototyp-Roboter zu besiegen und anschliessend der Schutzschirm um Deathheads Kampfmaschine zu deaktivieren ist. Erspart einem minutenlange, frustrierende Rumraterei, irreführende und verwirrende Rückmeldungen des Spieles, immer wieder unterbrochen durch Neuladen des letzten Checkpoints, falls man keinen Godmode verwendet.
  3. Man bringe dieses Gamedesign-Versagen schnell hinter sich und erfreue sich am Abspann eines ansonsten erstklassigen Shooters!
  4. Falls dadurch die Steam-Achievements deaktiviert werden und einem dies wichtig ist: Der Steam Achievement Manager kann dabei behilflich sein, dieses Problem zu lösen.

Nein, ehrlich, TNO hat mir ganz ausdrücklich gefallen. Feine Sache, das!

Ich freue mich auf den Tag, wenn der lineare Zeitablauf auch Euch ermöglicht die unveränderten US-Versionen von The New Order, Old Blood und The New Colossus ganz normal in Deutschland erwerben und spielen zu können. In der Hoffnung, dass ich jetzt nicht die Vergangenheit verändert habe.

Denn Frau Engel wartet auf uns!

PS: Wenn man etwas angeschickert vonner Kneipe nach Hause kommt, sollte man sich nicht des Nächtens vor den Rechner setzen und anfangen im Steam-Store herumzusurfen. Keine gute Idee!

5 Kommentare zu „Eine unvollständige Review von Wolfenstein – The New Order

  1. Ich hätte im letzten Sale beinahe auch zugeschlagen, wenn da nicht dieses „Deutsch only“ gewesen wäre.
    Hast Di Infos, dass sie es tatsächlich machen (neuprüfung usw.), oder werden wir fuer die älteren Versionen nie in den offiziellen Genuss der Original Version kommen?
    (Habe auf diese VPN Trickserei usw. keine Lust…)

  2. Es gibt Hinweise darauf, dass Bethesda eine Neuprüfung erwägt, aber mehr als ein Gerücht und eine vage Hoffnung ist das derzeit nicht.

    Was halt schade ist, denn auch Old Blood und Colossus sollen anständige, gut produzierte Shooter sein. Wobei ich jetzt gemerkt habe, dass ich NOTFALLS die deutsche Ersatzsymbolik verschmerzen könnte, die deutsche Sprach-Version hingegen … wenn selbst Bethesda in der US-Version die deutschen NPCs professioneller und besser auf Deutsch klingen lässt … bähhh!

    Das ist ja auch immer einer der Vorschläge der Kunden gewesen, wo man Bethesda bat, dass sich deutsche Spieler wenigstens die Spielsprache aussuchen können sollen, anstatt zwangsweise auch noch diesen Rotz vorgesetzt zu bekommen.

  3. Gleichmal gehotlinkt (für das Zeitfenster mit dem richtigen Sale mit richtiger Version – also richtige Zeitlinie). Macht echt Lust das mal auszuprobieren! ^^

  4. Ui, danke für die Warnung! Fragte mich schon ob das jetzt automatisch unzensiert ist. TNO hatte ich auch aus einem… äh Offline-Installer damals installiert und hatte Spaß dran, mir persönlich gingen die Videosequenzen zu lang. „Old School“ ist halt auch spielen dürfen und nicht nur Zusehen. Das Addon soll da besser sein…

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