Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Da wir Deutschen endlich alle Symbole des NS-Regimes offiziell auch in Spielen genießen dürfen, hat Bethesda die internationale Version der neuen Titel der Wolfenstein-Serie auch für deutsche Kunden verfügbar gemacht. Also flugs für wenig Geld erstanden und eine ganze Menge herrlichen Ballerspaß damit gehabt. Über The New Order hatte ich bereits einiges gesagt, nun war die Fortsetzung The New Colossus dran.

TNC ist spielerisch in allen Belangen deutlich besser geworden. Schwächen wurden abgestellt, Stärken ausgebaut.

Die Perks integrieren sich nun viel besser in das Gameplay und wirken nicht mehr wie aufgesetzte Gadgets, die man sich ergrindet, um die Sammlung vollständig zu haben. Es gibt deutlich weniger Perks, die dafür spielerisch umso sinnvoller sind und aufgelevelt werden können. Dabei schränken sie den Spieler nicht ein, wenn man bestimmte Perks bevorzugt und andere vernachlässigt, weil sie nicht mehr in Klassen-Pfaden voneinander getrennt werden. Man kann (bis auf drei story-basierte Eigenschaften, wo man eine davon auswählen kann) alle Perks erhalten und somit die Fallstricke des Vorgängers vermeiden, wo man als Stealth-Player im letzten Viertel des Spieles massiv gefickt wurde, weil es kaum noch Gegner gab, die sich mit heimlichen Messerangriffen ausschalten liessen.

Waffen lassen sich wieder aufrüsten, so dass man als Stealth-Player nicht nur die Pistole, sondern auch die MP mit Schalldämpfern versehen kann, um aus dem Verborgenen heraus, in Kombination mit einem Schadensupgrade für die MP, selbst gepanzerte Gegner schnell genug neutralisieren kann. Und als Fallback, wenn man erwischt wurde und die Offiziere Alarm schlagen, mit größeren Magazinen und entsprechenden Schadensmodifikatoren für alle Waffen auch offene Schusswechsel überstehen.

Anstatt dämlicher Boss-Kämpfe gibt immer wieder kräftig austeilende Spezialgegner wie den Laserhund oder den Laserturm, eine haushohe Kampfmaschine, der man idealerweise nicht im offenen Kampf gegenüber treten sollte. Aber unter Ausnutzung des Leveldesigns und Verständnis der gewählten Perks und Waffen-Upgrades lassen sich auch diese Gegner relativ frustrationsfrei besiegen. Wenn man sich ärgert, dann nur über eigene Fehler. Hilfsloses Rätselraten über die erst zu findende Schwachstelle des Gegners, während man am laufenden Band massakriert wird, gehört der Vergangenheit an. Jetzt wird man am laufenden Band massakriert, weil man sich einfach zu dappig anstellt und nicht in der Lage ist die x-mal vorher eingeübten Gameplay-Mechaniken richtig anzuwenden. Dem letzten Kampf geht daher auch DER BOSS ab, was allerdings nicht bedeutet, dass die schier endlos erscheinenden Wellen von schwer gepanzerten und bewaffneten Gegnern leicht zu besiegen wären. Aber ich muss nirgendwo raten, ich weiß von der ersten Sekunde an, was ich zu tun habe. Ich muss nur GUT sein und brauche nicht irgendwelche, erstnalig im Spiel auftauchenden Handlungen vornehmen, die ich mir zuerst anlesen muss, um überhaupt zu wissen, was denn zu tun ist.

Sehr gut, danke!

Das Leveldesign erreicht dabei neue Grade der Komplexität. TNC ist das erste Spiel, wo ich froh bin, dass nützliche Items und Sammelzeugs mit einem Schimmern leicht hervorgehoben sind. Sie würden in der Menge der hier gebotenen Set-Props vollkommen untergehen. Dieser Detail- und Komplexitätswahn führt aber auch an zwei Stellen dazu, dass man wie der Ochs vor dem Berge steht und partout nicht mehr weiter weiß. Es gibt an einer Stelle so viele scheinbar zum Missionsziel führenden Pfade, dass man den einzig richtigen Weg kaum bemerkt. An einer anderen Stelle sucht man den sonst üblichen, vollkommen vertrackten und versteckten Weg, nur um den direkt vor der Nase befindlichen Weg die ganze Zeit zu übersehen. Das Gehirn weigert sich an dieser Stelle die Einfachheit des Ausganges wahrzunehmen, weil es zuvor stundenlang nur so mit Vielfalt und Detailreichtum bombardiert wurde.

Technisch wurde nochmal kräftig an der Schraube gedreht. TNC läuft offiziell unter idTech 6. Vor allem das Beleuchtungssystem wurde massiv verbessert. Alles sieht großartig aus. Selbst der CryEngine-Renderer, der sonst die Referenz für erstklassige Lichteffekte ist, muss hier beiseite treten.

Ich würde an dieser Stelle gerne ein paar eigene (!) Screenshots zur Verdeutlichung zeigen, aber leider harmoniert TNC nicht besonders mit dem Steam-Overlay und stürzt bei aktivem Overlay zumindest bei mir alle paar Sekunden ab. Auch NVidias GeForce Experience will nicht so recht funktionieren. Wenn man Glück und die richtige Hardware-Treiber-Kombo hat, kann man wenigstens ein paar Minuten zwischen zwei Abstürzen spielen. Ein Patch soll dieses Problem zwar behoben haben, aber eigene Erfahrungen und ein Blick ins Steam-Forum zeigen, dass dies wohl nur kurz geholfen hat. Sicher, es gibt auch Leute, bei denen alles sauber läuft, aber das scheint nicht die Mehrheit zu sein. Von daher … wenn’s schon ständig während der Intro-Sequenz crasht, Steam-Overlay deaktivieren, entspannt und sorgenfrei spielen.

Die sattsam bekannte Texturnachladeverzögerung bei schnellen Drehungen aus idTech 5 hat man leider nicht vollständig entfernen können, aber es tritt bei weitem nicht mehr so stark auf wie noch im Vorgänger oder gar wie in Rage.

Doch nicht alles ist Gold, was in diesem Spiel glänzt.

Da sind zum einen die optionalen, sog. Uberkommandant-Missionen, wo man abseits der Main-Story, sogar nach Abschluss der Main-Story Nazi-Offiziere jagen und erlegen darf. Eine gute Gelegenheit, um gezielt bestimmte Perks zu verbessern oder die Collectables zu vervollständigen. Eigentlich eine nette Sache, die leider einen kleinen Haken hat. Jede dieser Missionen muss erst über ein Entschlüsselungs-Minispiel freigeschaltet werden. Für eine Entschlüsselung braucht man Enigma-Dokumente, die man Offizieren in den Hauptmissionen abnehmen kann. Jeder Versuch einer Entschlüsselung, erfolgreich oder nicht, verbraucht ein Dokument. Als ich das Minispiel verstanden hatte, waren schon drei Dokumente verbraucht. Ich habe dann dankend auf diese Nebenmissionen verzichtet. An belanglosen Mini-Spielchen habe ich eh kein gesteigertes Interesse, um es mal höflich auszudrücken, aber dass man zur Teilnahme an den Nebenmissionen auch noch eine begrenzte Ressource verbrauchen muss, ist zumindest in meinen Augen eine selten dämliche Idee. Aber gut, es sind rein optionale Nebenmissionen. Sie sind für die Main-Story nicht notwendig. Einmal Achselzucken und ich denke darüber nicht mehr nach.

Und zum anderen ist das die Gewaltdarstellung, wo ich persönlich an eine Grenze komme. Das ist mir mittlerweile zuviel. Teilweise habe ich die Augen zusammengekniffen, wenn Terror-Billy aka BJ Blaskowic dem Gegner die Axt in den Schädel rammte. Das sind, wie z.B. in Brutal Doom, nicht mehr lustige Cartoon-Pixel. Das ist ein perfides, stylisches pseudo-realistisches Art Design, wo Blut, Körperteile und Eingeweide extra laut, reichlich und weit spritzen müssen.

Und hier kommen wir dann auch zum dritten Punkt, der mich zwar nicht gestört hat, aber wo ich nicht umhin konnte zu bemerken, dass leider auch TNC zu den Spielen gehört, die schockieren und/oder tiefgründig sein wollen, ihren Wesenskern als oberflächliches Konsumprodukt dabei aber nicht einmal ansatzweise verbergen können.

Als ein Paul Verhoeven nach Hollywood gegangen ist und man ihn große, teure Filme drehen ließ, wusste man nicht, wen man sich hier geholt hatte. Paul Verhoeven hat nämlich gerne provoziert. Mit viel Sex und viel Gewalt. Zu Zeiten, als alles noch weitaus prüder war als heute. Heute werden Art House-Filme gedreht, die noch vor zehn Jahren jeder als Porno klassifiziert hätte. Maßstäbe und Bewertungen ändern sich.

Die Zeiten, in denen man mit Gewalt in Spielen provozieren konnte, sind ebenfalls längst vorbei. In manchen Genres ist es mittlerweile der übliche Standard, dass Blut und Eingeweide nur so an die Decke spritzen. Mit Sex tun sich Spiele zwar immer noch ungeheuer schwer, aber die Gewaltdarstellung ist gedeckelt. Wenn man also in diesem Bereich noch was draufsetzen will, muss man alles maßlos übertreiben. Und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die ganze Sache kurz davorsteht ins vollkommen Lächerliche abzukippen.

Was akzeptabel wäre, wenn Wolfenstein 2 ein grelles, aber ansonsten vollkommen harmloses Action-Spektakel wäre, wo die Absurdität der überzeichneten Darstellung eines Settings, in Kombination mit einem nur angedeutenen Handlungskorsett in Einklang mit der Inszenierung der Gewalt stünde: Nimm das alles bitte nicht so ernst, das ist alles nur ein harmloser Spaß! So wie in Shadow Warrior 2, wo es auch nicht gerade zimperlich zur Sache geht, das Spiel sich aber klar und deutlich nicht selbst ernst nimmt. So wie der erste The Expendables-Film von Sylvester Stallone, IMHO einer der besten Action-Filme der letzten zwanzig Jahre.

Doch wie Stallone leider den Fehler begangen hat alle weiteren Teile seiner Serie zu ernst zu nehmen, sie mit viel zuviel Handlung und Dialogen und gar *gosh* Charakterentwicklung „seröser“ machen zu wollen, so hat man bei Machine Games den Fehler (?) gemacht das Nazi-Setting sehr ernst zu nehmen.

Ok, was meine ich damit:

In heutigen Zeiten sind Nazis nicht mehr die angestaubten Irren aus tiefer Vergangenheit. Wir leben heute in Zeiten, wo z.B. die USA von einem Präsidenten regiert werden, der mittlerweile ganz offen einen rassistischen Wahlkampf führt, das Rechtswesen in einen privaten Selbstbedienungsladen verwandeln lässt und trotzdem weiterhin ein Approval-Rating von 39% hat. Wir leben in Zeiten, wo es nicht mehr sofortiger politscher Selbstmord für deutsche Ministerpräsidenten ist gegen Osteuropäer zu hetzen, nur um von eigenen Fehlern im Corona-Krisenmanagement abzulenken.

Das Setting der neuen Wolfenstein-Spiele, die Welt in der die Nazis den zweiten Weltkrieg gewonnen haben, ist nicht mehr länger ein harmloses Gedankenspiel, sondern eine immer drängendere Erinnerung daran, dass „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ nichts sind, was einmal hergestellt, auf ewig so bleibt, sondern stets neu errungen und geschützt werden müssen.

Deswegen hat man bei Machine Games das Spiel mit jeder Menge ernsthafter Handlung und politischer Positionierung vollgepackt. Die Vehemenz, mit der vor allem Trump-Fans in den USA und Neurechte weltweit auf The New Colossus eindreschen, zeigt deutlich, dass man das Thema nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen darf.

So, dies gesagt habend … was ist es denn nun, was ich an TNC für so, sagen wir mal, unpassend halte?

Wolfenstein II: The New Colossus ist ein erstklassig produziertes, sehr unterhaltsames Ballerspiel, welches ich jedem ans Herz legen möchte, der gerne erstklassig produzierte, unterhaltsame Ballerspiele zocken möchte. Dieser unterhaltsame Ballerspaß steht jedoch in deutlichem Gegensatz zu den vielen ernsthaften Aspekten der Handlung. Da wird mir unmißverständlich gezeigt, wie menschenverachtend die Nazi-Ideologie ist und ein paar Sekunden später schlachte ich mich vollkommen rücksichtslos durch ganze Divisionen, links und rechts Headshots verteilend und Gliedmaßen abhackend. Ich BIN tatsächlich nichts weiter als Terror-Billy, der von den Nazis abgrundtief gehasste Massenmörder und Terrorist.

What the fuck?

Genau diese Diskrepanz zwischen Handlung und Gameplay konnten wir auch im (wievielten?) Tomb Raider-Reboot vor sieben Jahren erleben, als man in Cutscenes eine über ein totes Reh bitterlich weinende, junge Lara Croft sehen konnten, weil man sie als von der Gewalt vollkommen überwältigte Figur zeigen wollte. Weil Gewalt voll arg chlimm ist, m’kay? Große Teile des Gameplays bestehen aber darin mit viel Geballer und entsprechendem Treffer-Feedback etliche virtuelle Menschen über den Jordan zu befördern. Ist ja ein Tomb Raider-Spiel, da muss natürlich wild geballert werden.

Aktuell wird The Last of US 2 wild diskutiert, wo die Entwickler einen ähnlichen Fehler begehen, in dem sie versuchen dem Spieler zu zeigen, wie voll arg schlimm Gewalt ist, während der Großteil des Gameplays das vielfältige, unreflektierte und total geil inszenierte Umbringen von Infizierten, Nicht-Infizierten und Tieren durch den Spieler selbst beinhaltet, gleichgültig welche Kapriolen die Handlung im Laufe des Spieles schlägt.

Jedweder ernsthafte Ansatz, jedweder tiefgründige Gedanke, der in diesen Spielen, mitunter durchaus gelungen, untergebracht wurde, wird anschliessend durch die zentrale Gameplay-Mechanik, mit der man den Großteil des Spieles verbringt, konterkariert, entwertet, zu einem witzlosen, oberflächlichen Marketing-Gag degradiert.

Hier, hier! *spring* *hüpf* Bin ich jetzt endlich seriöse Kunst?

Nein, Du bist weiterhin nur ein harmloses, niveauloses Unterhaltungsprodukt!

Jim Sterling hat sich letztlich über dieses Thema ausgelassen und uns einen kleinen Test mitgegeben. Wenn ein Spiel tiefgründig und „erwachsen“ sein möchte, wenn der Designer Kunst machen möchte und die ganze Zeit davon redet, wie *hachhuch* künstlerisch wertvoll sein Spiel doch sei … macht man den Bobblehead-Test.

Kann man sich zu einem Spiel enstprechende Spielzeugfiguren denken? Wenn ja, gibt es Spiezeugfiguren zu diesem Spiel? Wenn auch diese Frage mit JA beantwortet werden kann, hat man nur ein oberflächliches Unterhaltungsprodukt vor sich, welches von Kunst so weit entfernt ist wie ein Film von Adam Sandler von einer Goldenen Palme.

So, nehmen wir also Wolfenstein II: The New Colossus. Mit all seinen ernsthaften und wichtigen Themen und machen diesen Test.

Das Ergebnis:

Wolfenstein II: The New Colossus ist weiterhin und immer noch ein erstklassiger Shooter. Doch all die Ansätze einer bedeutsam sein wollenden Handlung kollidieren mit seinem zentralen Gameplay-Kern und der Präsentation desselben. Einem blutig und hemmungslos gewalttätig inszenierten Schlachtfest! Ich werfe das Machine Games nicht unbedingt vor. Ihnen war vorgegeben ein Unterhaltungsprodukt zu machen, sie haben eindrucksvoll geliefert. Aber all die Mühe dem Ganzen zusätzlich mehr Tiefe zu geben … vollkommen für die Katz!

Ja, man kann das alles anders umsetzen. „Papers, Please“ oder „This War of Mine“ verwässern ihre anspruchsvollen Themen nicht mit Gameplay, welches im krassen Gegensatz zu diesen Themen steht. Vor allem bei Papers, Please kommen nicht wenige Spieler an einen Punkt, wo sie nicht mehr weiterspielen können. Nicht, weil das alles so schröhöcklöch brutal ist, sondern weil immer offensichtlicher wird, was man da eigentlich tut! Ohne dass dem Spieler in einer Cutscene BOTSCHAFT mitten in die Fresse zentriert wird, nur um in der nächsten Mission so zu tun, als ob nie etwas gesagt oder gezeigt worden wäre.

Spiele haben eigentlich keinen langen Weg zurückzulegen. Wir sind schon da, wo wir seit Jahrzehnten sein wollen. Spiele können selbstverständlich Kunst sein, können selbstverständlich tiefschürfende Gedanken beinhalten und entsprechende Reaktionen beim Spieler auslösen. Wenn aber große Firmen von Kunst reden, wenn maßlos überbezahlte Producer und Designer großer Studios glauben, sie hätten Kunstwerke von immenser Bedeutung geschaffen … meinen sie in der Regel nur eine nette Verpackung für das übliche Gebrauchsdesign vom Fließband.

17 Kommentare zu „Gut gemeint ist nicht gut gemacht

  1. Kann man das Spiel nicht einfach wertschätzen und gut is? Warum muss man das so auseinanderfrickeln? Es ist ein toller EGO-Shooter und fertig!

    Einfach mal Geniessen und Shooter Shooter sein lassen. 🙂

  2. Also ich habe auch mit erstaunen festgestellt, dass es mir im Alter anscheinend sehr viel Spaß macht, wenn mir das Spiel die Entscheidung überlässt, wer zu sterben hat. Es fällt mir nämlich immersionstechnisch schwer, mich für den Guten zu halten, wenn ich massenweise Angestellte (wenn auch die von Bösen) umlege. Deus Ex-Human Revolution war da ein (zufällig geschossener) Augenöffner. Ganz im Sinne von:
    „Hey you, that one that kill all …!“, was einfach mein ewiger Lieblingsmoment in allen Diabloteilen bleibt. ^^

    Dann macht es auch viel mehr Spaß jemanden umzulegen, der es so richtig verdient hat! : D

    Oder es erzeugt eine ganz andere Wirkung, wenn man mal etwas versaut und sich dann durchballern muss, weil man nicht aufgepasst hat.

    Jetzt stelle ich nur fest, dass es garnicht so viele Spiele gibt, bei denen das auch geht. Dishonored war da auch zufriedenstellend. Die Suche geht weiter. ^^

  3. „Kann man das Spiel nicht einfach wertschätzen und gut is?“

    Klar kann man das. Siehe die erste Hälfte meines Postings. TNC ist in Punkto Mechanik für mich ein erstklassiger Shooter, wo ich jede Minute genossen habe. Aber da die Entwickler das Setting sehr ernst genommen haben, kann ich die Story-Elemente nicht einfach ignorieren und so tun, also ob sie nicht vorhanden sind. Und leider gibt es auch keinen Regler, um die Gewaltdarstellung zu reduzieren. Also spreche ich es an. Weil es dazu gehört.

  4. Ich kann den zweiten Block deines Postes nur so unterschreiben. Ich fühle an der Stelle genauso wie du, und habe das auch schon schriftlich fesgehalten. Es gibt Spiele, welche dieses „Gewaltdilemma“ besser rüberbringen. SpecOps: The Line zum Beispiel. Oder auch zum Teil Bioshok Infinite. Oder Untertale, bei dem die Spielweise direkt Auswirkungen auf deine Umwelt hat. Das sollte eher der Maßstab sein für derartigen Shooter, welche „mehr“ sein wollen als nur einfacher Ballerspaß. Ich für meinen Teil mag beide Seiten, die ernsten- und die „hirnlosen“ Shooter.

    Was die Gewaltdarstellung selbst angeht, meine Grenze ist schon lang überschritten. Das, was da teilweise zelebriert wird, ist unnötig in meinen Augen. Auch die „Execution“- oder Quicktimekills halte ich für seltendämlich. Da diese den kompletten Spielesfluss unterbrechen, und mir jedesmal als Spieler die Kontrolle entziehen. Ich bin da kein Freund von. Selbst in MMO´s wie Guild Wars 2 gibt es jetzt schon „Finishing moves“, mit deinen man seinen unterlegenen Mitspieler nochmal extra eine reindrücken kann. Ist es mittlerweile so wichtig, seine „Überlegenheit“ so deutlich zu Schau zu stellen, und den Gegner möglichst zu erniedrigen? Weil nicht anderes sind diese ganzen Mechaniken. Aber das wundert mich nicht, wenn man mir das Verhalten vieler Leute in den Onlinespielen selbst ankucke. Es geht deutlich rauer zu als damals™, als nicht alles besser war. Aber vieles anders.

    Zum Glück gibt es mittlerweile eine große Bandbreite an Shootern, so das glaub ich mittlerweile die Meisten was passendes für sich finden. Spiele sind für mich schon seid Anfang an eine Artform, daher habe ich auch an der Stelle kein Bedürfnis der Anerkennung durch Externe. So wie das manche im Moment anscheinend benötigen. Allen voran die Journalisten, welche sich bei solchen Spiele wie The Last of Us 2 überschlagen, und 10/10 vergeben. Weil endlich haben wir was, was mit mit „richtiger“ Kunst mithalten kann. Meh…. whatever.

    Ich hoffe wir kommen bald aus der Phase raus, in der alles episch, düster, „tief“, ernst, humorlos und brutal sein muss, um wahrgenommen zu werden. Weil ehrlich gesagt habe ich von dieser Art der Darstellung die Schnauze mittlerweile voll.

  5. @anigunner

    Kann dir da in deiner Ausführung nur zustimmen.

    Was das Gewaltmaß angeht würde ich aber auch Filme und Serien miteinbeziehen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich mit zunehmenden Alter einfach nur immer sensibler werde, oder, ob die Medien tatsächlich an der Gewaltschraube gedreht haben.

    Zumindest kann ich nun meinen, mittlerweile verstorbenen, Großvater besser verstehen, wenn er wieder mit den Augen grollt hat, wenn der drölfzigste Krimi im Fernsehen lief und sich immer fragte, warum man sich auch abseits der Realität immer mit Leid und Drama zuschütten muss.

    Zum Glück sind Spiele vielfältiger denn je und es gibt genug da draußen, was sich auf Gameplay und eine Bierdeckel- und/oder geerdete Handlung beschränkt.

  6. @Stefan:

    Ich kann nicht für Deinen Großvater sprechen, aber ich stelle fest, dass ich im Laufe der Jahre bestimmte Inhalte nicht mehr ertrage. „Gotham“ oder „Vikings“ sind eigentlich Serien, die mir richtig reinlaufen sollten. Aber ich kann diesen Dauer-Hirnfick aus „Hachhuch, ich bin ja soooo böse“, bzw. „Ich will Jarl an Stelle des Jarls werden“ nicht mehr ab … das ist langweilig, es ist vorhersehbar, es ist keine Unterhaltung mehr.

    Charme und eine gewisse Leichtigkeit sind die Dinge, die mich immer besser vor dem Bildschirm halten. Da können dann auch gerne ernste Themen angesprochen werden, is kein Ding, aber dieses Holzhammer-Drama, mit dem hier oft operiert wird … bähh!

  7. Die erste Staffel ist auch klasse … die zweite auch noch gut, aber dann gehen den Drehbuchautoren sichtbar die Ideen aus, um die wenigen Fakten, die über die historische Figur Ragnar bekannt ist, mit Drama-Handlung auszufüllen. Auch hier verkommt die Gewaltdarstellung im Laufe der Serie immer mehr zum Selbstzweck, kommt zuviel CGI zum Einsatz, damit alles so richtig geil spritzt.

    Aber das bin nur ich. Andere mögen das von vorne bis hinten total gut finden. Hab ich kein Problem mit 🙂

  8. Waaah … hör auf – Du machst es immer noch schlimmer! „: D
    Wenn mir sie Serie also gefällt, muss ich damit rechnen, dass sie immer schlechter wird.

    Ich schau ja gerade Black Sails und für mich rettet die Sache, dass ich so ein großer Schatzinsel-Fan bin. Sonst wäre es auch okay, aber so macht es vermutlich ungleich mehr Spaß.

    Die Gewaltdarstellung fand ich bisher angenehm passend, aber ich merke, dass mir langsam die obligatorischen Sexszenen auf die Nerven gehen (also in neueren Serien generell). Also einfach in ihrer Länge. Kurz und dann Schnitt, finde ich ja okay. : )
    Und ich mag eigtl, wenn Sex vorkommt, aber die Szenen wirken auf mich leider oft so übertrieben gewollt.

  9. P.S.: Black Sails ist übrigens ein schönes Beispiel, warum sinvoller CGI-Einsatz ein Segen ist. Dann z.B., wenn man gerne tolle alte Segelschiffe sehen möchte.
    Viel besser als das zusammenstürzende Hochhaus Nummer 685.

  10. @anigunner:
    Ja, generell schließe ich mich Deiner/Hazz`s Meinung an, das auch für mich mittlerweile persönliche Wohlfühlpunkte überschritten werden bei der (permanenten) Gewaltdarstellung, trotz „comicartigem Look“ wie z.B. bei DooM. Dennoch habe ich auch hier wieder die Erfahrung gemacht, dass Kontext der für mich alles entscheidende Faktor ist. Beispiel: The Last of Us. Vorletzte Woche Teil 1 zum ersten Mal durchgespielt, obwohl schon vor Jahren angefangen. Und was soll ich sagen, die schon damals ultrarealistischen Animationen von extremer Brutalität würden mich in einem anderen Umfeld als Gewaltporno anwidern. Aber der besagte Kontext dreht für mich die Situation komplett. Ja, es bleibt immer noch ein Spiel mit den entsprechenden Mechaniken und einem (für eine angenommene ‚realistische‘ Simulation) zu hohem Bodycount. Aber dieses Kunststück des „Wir sind Gejagte nach einer Apokalypse, entweder die oder wir.“, dieses Gehetztsein, dieses Leben, was sich in die Gesichter eingräbt, wird (für ein Action-Spiel) erstaunlich realistisch… falsch: erlebbar… umgesetzt. Ja, ich kann verstehen warum der Hauptprotagonist in manchen Situation keine Überdosis Schlaftabletten verteilen und warten kann. Ja, danach kommt bei den Darstellern (und mir) kein Tschakka-Gefühl auf, sondern eher ein „… grade Schwein gehabt, den eigenen Schock wegdrücken, nicht umdrehen und nichts wie weiter“. Ja, dieses Spiel schafft neben den Leisen, extrem schmerzvollen aber auch teilweise unfassbar schönen, menschlichen Momenten einen Balanceakt. In dem es nichts beschönigt, sondern zeigt, wie es in einer zusammengebrochenen Zivilisation mit dem Recht des Stärkeren zugehen würde. „Lieber Spieler, wer A sagt, muss auch B sagen. Wir setzen Dir hier eine Welt vor, welche aus den Angeln gehoben wurde. Das bedeutet nun mal nackten Überlebenskampf. Ja, falls so etwas jemals geschehen sollte, würde es für Überlebende extrem hässlich. Wir zeigen das genau so, keine Beschönigung for the faint of heart, deal with it!“
    Und vor genau diesem klipp und klar von Anfang an gesetzten Hintergrund funktioniert der Überlebenskampf MIT der Brutalität für mich. Weil es eben hier niemals purer Selbstzweck ist. Auch wenn das für einige zu viel Realismus in Zeiten wie diesen sein kann:
    https://www.engadget.com/last-of-us-irl-pandemic-130050966.html

    P.S.: Hazz, ich hätte auch mal nicht gedacht, daß sogenannte leichte Unterhaltung SciFi und Cyberpunk bei mir von Platz 1 der konsumieren Inhalte verdrängt, aber es ist geschehen!

    P.P.S: Mrs Maisel ist göttlich! 😉

  11. „ich hätte auch mal nicht gedacht, daß sogenannte leichte Unterhaltung SciFi und Cyberpunk bei mir von Platz 1 der konsumieren Inhalte verdrängt, aber es ist geschehen!“

    Ich bin der festen Überzeugung, dass dies seine Ursache NICHT darin hat, dass wir allesamt Weicheier geworden sind, sondern dass wir vieler Klischees müde geworden sind, die oft benutzt werden, um sich die Arbeit auf Produzentenseite leicht zu machen. Als alte Säcke im Geiste haben wir genug gesehen, gehört, gelesen, um bei all den Tricks, die angewandt werden um mit gerade noch hinreichendem Aufwand die Illusion von etwas GROSSEM zu erzeugen, nur noch müde abzuwinken.

    Um uns zu beeindrucken, muss man schon mehr auffahren als Standard-08/15. Und zwar nicht einfach mehr vom sattsam Bekannten auf den Haufen aus bereits sattsam Bekannten schütten. Sondern clevere Wege finden, um vertraute Geschichten aus vertrauten Tropes mit frischem Pep ein wenig anders zu erzählen.

    Gerade „Mrs. Maisel“ schafft das, in dem es eine vertraute Geschichte von „Aussenseiter setzt sich unter Mühen letztendlich durch“ mit einem nicht ganz alltäglichen Setting, einem herrausragendem Casting und viel Liebe zu Details frisch erzählt. Keine großartigen Plot-Twists, sondern kleine Dinge, die überraschen. Wie ihr allererster Auftritt, in den sie mehr oder minder unbeabsichtigt und volltrunken reinrutscht und mit einem grandiosen, unerwarteten Paukenschlag-Gag beendet, den sie aus durchaus nachvollziehbaren Gründen nie mehr wiederholen wird.

  12. Rückblickend habe ich von „Hör mal wer da Hämmert“ / „Tool Time“ mehr für mein Leben mitgenommen als von all diesen nihilistischen edgy Produktionen zusammen. Seien sie nun Videospiel, Film oder Serie…

  13. Mir fällt diese Inkonsequenz zwischen Narrativ und Gameplay auch zunehmend auf. Vermutlich weil Spiele immer realistischer wirken und Gameplay normalererweise unrealistisch ist. „Uhhh ich muss mit den bösen Buben aufräumen; ich bin der Held, charismatisch, nachdenklich, emotional und nunja, skrupeloser Massenmörder – so what“ 🙂

    Netter Exkurs zur Weltpolitik übrigens, danke! Man muss noch nichtmal den Blick global schweifen lassen: Lübke, NSU, AfD, aktuell das KSK und Gruß aus Göttingen – die linke Stadt wo man nun rassistische Ressentiments ständig wahrnimmt, weil Virenverteilung bei einem Zuckerfest ja viel böser als bei einem Gottesdienst ist. Besorgniserregend.

    Diese zunemde Gewalt bei Spielen finde ich auch inzwischen krass. Wenn ich bei Kotakus Highlight Reel mal Szenen aus CoD sehe, dreht sich mir der Magen um… dass das täglich konsumiert wird, die armen Kinder! Gott, werde ich wie meine Eltern?! Gewiss nicht. Bei Crusader erfreue ich mich immernoch Leute anzuzünden, zu vereisen, zu einem Haufen Schleim zu verwandeln. Hehe.

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