Nicht-Buffy Nun

Warrior Nun„, die Netflix-Adaption der Comic-Vorlage Warrior Nun Areala, muss sich diverse Vergleiche mit Joss Whedons TV-Meisterwerk aus den 1990ern natürlich gefallen lassen. Auch hier wird eine junge Frau gegen ihren Willen in eine seit Jahrtausenden währende Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse, Himmel und Hölle gerissen. Und wie auch bei Buffy, so ist das Ergebnis überraschenderweise nicht so lächerlich und peinlich, wie das Setting vermuten ließe.

Was an folgenden Punkten liegt:

  • Besetzung
  • Drehbuch
  • Drehorte
  • eine funktionierende Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Herumblödelei

Vor allem die Hauptdarstellerin, Alba Baptista, überzeugt in ihrer Darstellung als Ava.

Ava ist eine seit einem Unfall als kleines Mädchen querschnittsgelähme junge Frau, die bei diesem Unfall ihre Eltern verloren hat und mangels auffindbarer Verwandter seit vielen Jahren in einem katholischen Waisenhaus nur den ganzen Tag im Bett liegt und keinen Finger rührt. Das faule Stück!

Zu Beginn der ersten Folge ist sie auch bereits tot und wird im kühlen Keller des angeschlossenen Klosters aufbewahrt, bis man sie wahrscheinlich einäschert und ohne viel Aufhebens irgendwo ins Regal stellt. Oder gleich in die Ausguß kippt, denn niemand mochte sie wohl, weil sie wohl ein Miststück war, dessen Antwort auf ein beschissenes Schicksal darin bestand allen anderen Menschen das Leben so schwer wie nur möglich zu machen.

Und als sie erneut wieder nur faul und diesmal tot herumliegt, pflanzt man ihr in der Hektik eines Kampfes ein Heiliges Artefakt, den Halo-Ring eines Engels ein, um selbiges Artefakt vor dem Zugriff der Höllenmächte zu verstecken, welche die bisherige Trägerin des Artefaktes verfolgen und töten ließen. Das Halo hat aber andere Pläne, erweckt die Leiche wieder zum Leben und schickt die nun vollständig geheilte Ava in ein Leben hinaus, welches sie nie hatte und eigentlich auch nie mehr erleben sollte. Weil sie ja tot war und sie sich vollumfänglich bewusst ist, dass sie tot war.

Weil Ava jedoch genug davon hat von anderen ungefragt herumgeschubst zu werden, zeigt sie der katholischen Kirche in Form eines geheimen Ordens von dämonenbekämpfenden Nonnen erstmal den Stinkefinger und haut ab. Sie sucht das Leben, lernt einen jungen Mann kennen, der einigen deutschen TV-Zuschauern durchaus bekannt vorkommen könnte. Weil ihr aber das Halo Superkräfte wie Stärke, Schnellheilung oder das Durchschreiten fester Gegenstände wie Mauern ermöglicht und jede unfreiwillige, unkontrollierte Anwendung die Höllenmächte auf den Plan ruft … ist das alles doch nicht das Paradies, die tolle neue Chance, welches sie sich erhofft hat.

Ava ist naiv und doch zynisch, sie ist unsicher und schnippisch. Alba Baptista frotzelt dabei herum wie seinerzeit Sarah Michelle Gellar und jedes Mal, wenn die Situation zu ernst, zu triefig, zu schmalzig oder abgedroschen werden droht, kommt ein dummer Spruch daher, mit dem sie manchmal in Gedanken, manchmal laut aussprechend die aktuelle Situation gewissermaßen als Erzählerin aus dem Off kommentiert.

Hier schafft es das Drehbuch in Handlung und Dialogen eine zarte Balance aus Ernsthaftigkeit, vollkommen lächerlicher Übertreibung und Humor zu halten. Hier hat jemand Joss Whedon nicht nur ausführlich studiert, sondern geistig vollständig inhaliert.

Als Hintergrund für die Handlung dient dabei das alte und das neue Spanien. Karstlandschaften, Klöster, Kirchen, historische Altstädte, Strände, hippe Nachtclubs, HighTech-Firmen. Das ist eine erfrischende Abkehr vom hollywood-typischen Look & Feel, welches sich auch beim Casting stark bemerkbar macht. Warrior Nun ist zwar eine US-Produktion mit US-Amerikanern an der Spitze der Produktionsleitung, doch sie wirkt zu keiner Sekunde wie eine US-Produktion. Was man auf der anderen Seite aber auch den Produktionswerten anmerkt. Nur wenige Effekte, die aber meist überzeugen. Die Action besteht aus etwas Standard-Martial-Arts, nichts besonderes. Warrior Nun hat nicht das Budget anderer phantastischer Serien, aber es wirkt nicht so billig, wie man annehmen möchte.

Warrior Nun wird in manchen Kritiken gerne als Girl Empowerment dargestellt, als feministische Dragon Slayer-Story. Andere Kritiken schiessen sich explizit darauf ein und schieben die Serie in die SJW-Ecke, weil ja von Netflix und Netflix ist böse. Vornehmlich findet man solche, erm, Interpretationen in us-amerikanischen Publikationen, die sich von dem dort tobenden Culture War nicht freimachen können. Als der ganzen Sache eher leicht verwirrt gegenüberstehender Europäer kann nur sagen … wie bitte?

Warrior Nun ist so politisch wie Gunslinger Girl, Chrono Chrusade oder Bakuretsu Tenshi. Der einzige Feminismus, der hier zu finden ist, ist die anhaltende Weigerung der Hauptfigur, sich, nachdem sie jahrelang gelähmt im Waisenhaus lag, wo man ihr ungefragt Dinge in den Leib geschoben hat (Essen, Medikamente, Körperhygiene), sich erneut ungefragt etwas (göttliches Artefakt) in den Leib schieben und sagen zu lassen, was sie jetzt gefälligst für ein Leben zu leben hat. Sie empfindet keine Dankbarkeit für ihre Wiederbelebung, nur den Drang möglichst weit wegzulaufen und endlich das Leben leben zu können, welches sie nie leben konnte.

Mehr „Botschaften“ gibt es hier nicht.

Allerdings sollte man auch erwähnen, dass eine Serie, in der Exorzismus betrieben wird, bis hin zum Tod des besessenen Menschen, und die Bevölkerung dann den Nonnen dankbar um den Hals fällt, obwohl es für die Existenz von Dämonen nur das Wort derjenigen gibt, welche Dämonen sehen können … in einem Land spielt, in dem vor einigen hundert Jahren gerade die spanische Inquisition im Namen Gottes vollkommen ungehemmt ihr Unwesen trieb.

Nein, in Warrior Nun wird dieser Teil der spanischen Geschichte nicht verharmlost, Warrior Nun ist weiterhin nur ein harmlose Fantasy-Serie. Dieser Teil der spanischen Geschichte kommt einfach nicht vor. Der historische Kontext der Handlung, der explizit Bestandteil der Handlung ist, ist nämlich nicht ganz so unproblematisch, wie die Handlung vermuten lässt. Historie ist kein Gimmick, wo man rauspickt, was einen gefällt und alles andere unter den Tisch fallen lässt. Aber dies nur am Rande angemerkt, weil es mir aufgefallen ist. Schmälert den Spaß beim Anschauen nicht.

Alles in allem, die Serie ist eine höchst angenehme Überraschung. Das Setting funktioniert, die Darsteller sind überzeugend und leisten gute Arbeit, die Dialoge atmen von vorne bis hinten Joss Whedon. Sprich, wenig abgedroschene Klischees, ein paar dumme Sprüche und viel situationsabhängiger Realismus, wo Figuren nicht nochmal dem Zuschauer erklären müssen, was jeder schon klar und deutlich sieht. Es wird nicht über Dinge geredet, die jeder in der Szene sehen kann oder die bereits etabliert wurden und den Charakteren in dieser Szene bekannt sind. Eine Unsitte, auf die ich immer wieder stoße und die mir erfolgreich den Abend verderben kann, wenn sie wiederholt mit der Ernsthaftigkeit und Wucht eines Dampfhammers vorgetragen wird. Warrior Nun ist frei davon. Herrlich!

Warrior Nun will kein riesengroßes Ding sein, da ist nichts episch oder über alle Maßen hinaus mit Bedeutung aufgeblasen. Warrior Nun ist wirklich nur eine nette, kleine, charmante Fantasy-Serie.

Zum Schluss allerdings ein klitzekleines Wort der Warnung: Die letzte Folge endet mit einem Cliffhanger. Wer das absolut nicht abkann (vor allem, weil es noch keine Entscheidung über eine mögliche zweite Season gibt), der sollte warten, bis eine entsprechende Entscheidung getroffen wurde. Ein positives Ergebnis ist auf der Grund der Beliebtheit der Serie zwar wahrscheinlich, aber man weiß ja nie. Wer damit kein Problem hat und wie im ähnlichen Falle Kingdom einfach nur ein nette Genre-Serie sehen möchte, wo die erste Season alleine bereits genug Unterhaltung bietet … ja, warum nicht?

8 Kommentare zu „Nicht-Buffy Nun

  1. Aha,

    Warrior Nun *kritzelkritzel*… vermerkt,
    Kingdom *kritzelkritzel*… vermerkt.

    Sah beim drüberscrollen trotz prominenter Positionierung nach üblem trash aus aber ich glaub da schau ich mal rein.
    Und Kingdom klingt laut Beschreibung wirklich gut.
    Hoffe das ist nicht zu overacted… asiatische Produktionen sind da ja oft sehr eigen.

  2. Meine Frau liebt Buffy. Und Angel. Wie oft musste ich schon die kompletten Staffeln mit durchgucken, während ich aufm Laptop alte Spiele klickerte. Aber es war auch eine gut geschriebene Show die sich stark entwickelte (mit Menschen in Gummianzügen als Low-Budget Monster, ich fands geil 😀 ) Ich habe zwar nicht viel Hoffnung, dass ein Klon bei ihr Gefallen findet, aber werde es mal vorschlagen!

  3. „Sprich, wenig abgedroschene Klischees, ein paar dumme Sprüche und viel situationsabhängiger Realismus, wo Figuren nicht nochmal dem Zuschauer erklären müssen, was jeder schon klar und deutlich sieht.“
    Ja, ich stimme zu. Zumindest in der ersten Folge war ich immerhin nicht von Klischees genervt.

    Allerdings habe ich die schon nur fast durchgehalten, weil es mir unmöglich ist, Kommentare aus dem Off zu ertragen.
    Genau aus dem Grund musste ich auch Haus des Geldes schon in der ersten Folge abschalten.
    Bei beiden Versuchen, der wiederholten Empfehlung auf den Grund zu gehen.

    Das geht einfach nicht. Außer die Schauspieler oder deren Synchronsprecher haben eine hypnotisch gute Stimme oder wirklich etwas Interessantes zu sagen oder dem Bildgeschehen beizutragen.
    Wenn nicht: Maul halten oder Aus.

  4. Kann schon ganz nett sein sowas (Wynonna Earp)
    Kann aber auch extrem grauenvoll schlecht sein (Shadowhunters)

  5. Ich hab mir jetzt mal die erste Folge angeschaut und war erstmal baff (^^), wie furchtbar das alles wirkte. Son richtiger B-Movie-Fantasy-Horror-Plot.

    Dann die Szene, wie sie sich übergibt und durch die Wand fliegt – da war es cool. : D

    Aber gleich danach, frag ich mich, wie sie aus dem Laden herausgekommen ist (geschlossene Läden sind ja normlerweise genau das: geschlossen)… kann sie jetzt schon kontrolliert durch Wände? Warum gabs dazu (so oder so) keine Szene?

    Aber ja, das Mädchen schauspielert doch tatsächlich und die Effekte sind angenehm reduziert und der Humoranteil bisher angenehm. : D

    Schade wiederum, dass die ganzen Jugendlichen aussehen, wie aus dem Model-Casting. Das ist schon ein Abturner. Und dann reden sie, wie Vierzigjährige. ^^“

  6. Ja, natürlich ist das alles von vorne bis hinten bestenfalls B-Movie-Niveau. Und mir ist auch klar, dass die Charmespanne dieser Serie klein ist und nicht für jeden ausreichen mag.

    Und dennoch ist es zumindest meiner Ansicht nach erträglicher als die erste Season von Buffy 🙂

    Wie auch immer … ganz anderes Programm: „Godless“. Spröder, lakonisch-staubiger Western! Hat was.

  7. Ja gut, ich habe von Buffy nie mehr als fünf Minuten ausgehalten. Wenn man das mochte, ist das vermutlich ein geiler Sprung nach vorne. : )

    Mit Western konnte mich man jagen früher. Aber dann hat mich irgendwann „Erbarmungslos“ erwischt und die Erkenntnis gebracht, dass das Genre richtig geile Sachen machen kann, wenn man nur will (ich kannte ja vor allem die alten Westernsachen).
    Nun warte ich drauf, dass ich von Deadwood so viel vergessen habe, dass ich es mir diesmal mit dem Film als Ende geben kann (den gabs nicht, als ich die Serie das erste Mal gesehen habe). Das wäre mein Westernserien-Kontertipp.

    Godless merk ich mir also mal. Danke. ^^

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