Flatout 1 Remaster

Mein allerallerallerliebster Arcade-Racer ist Flatout Ultimate Carnage, quasi ein Remaster von Flatout 2. Hier gibt es alles, was ich von diesem Genre brauche.

Dementsprechend freudig gestimmt vernahm ich vor acht Jahren die Meldung, dass der finnische Entwickler Bugbear an einem neuen Rennspiel unter dem Projekttitel Next Car Game arbeitete. Es gab eine frühe Demo der Physik-Engine, wo man auf noch nie zuvor gesehene Weise Autos Fahrmeter um Fahrmeter zu Metallschrott verarbeiten konnte.

Doch weil man keinen Publisher fand, eine Kickstarter-Kampagne scheiterte und eine Veröffentlichung über Valves Early Access-Programm zwar genug einbrachte, um nicht zu sterben, aber auch nicht genug, um davon zu leben, gab es lange Pausen in der Entwicklung, wo gar nichts passiert ist und man mangels Kommunikation der Entwickler auch das Schlimmste annehmen musste. Dann gab es wieder kleine Updates, dann wieder lange nichts. Zwischendurch gab es dann auch einen richtigen Namen: Wreckfest

Bis eines Tages THQ Nordic bekanntgab, man habe das Studio gekauft und die Entwicklung von Wreckfest sei gesichert. Sich über die Jahre hinweg angesammelte Sorgenwolken wurden von Sonnenschein, blauem Himmel und Vogelgezwitscher vertrieben. Wreckfest ist zwar bereits vor zwei Jahren erschienen, aber erst jetzt finde ich die Muße mich mit dem Titel näher zu beschäftigen.

Nach ca. fünf Stunden hemmungslosen Herumbretterns und Zerdengelns virtueller Blechhauben würde ich dieses Spiel gerne als Remaster von Flatout 1 bezeichnen. Weniger Arcade-Racer, mehr Destruction Derby-Simulator. Weniger Supersportwagen, mehr ramponierte Bruchbuden. Weniger maßlos übertriebene Massenzerstörung, mehr halbwegs realistische Schadensanrichtung.

Was jetzt keine schlechte Sache ist, denn Flatout 1 ist auch heute noch ein erstklassiges Rennspiel, welches klaglos auf modernen Windows-Systemen läuft und welches man mittels eines Fan-Patches auch korrekt auf Widescreen-Auflösungen strecken kann.

Und so treibe ich meine lächerliche Klapperkiste wieder durch staubige Steinbrüche, krumme Waldstrecken, hinterlasse demolierte Absperrungen und schubse meine Kontrahenten mit einem zielgerichten Rammstoß aus der Kurve. Rein optisch sieht das faszinierenderweise nicht sonderlich nach 14 Jahren technischem Fortschritt aus …

… aber bei dieser Art Rennspiel kommt es auch weniger auf Blitzblendvorgaukel, sondern auf ein vernünftiges Fahr- und Schadensmodell an. Ich finde die Graphik angemessen und zufriedenstellend. Dreck und bleibt Dreck, selbst in 4K und unter DX12. Schicke Highlights und Shader braucht mein Fahrzeug auch nicht, wenn ich es um scharfe Kurven herum und in verlockende Hecks hinein manövriere. Habe eh keine Zeit darauf zu achten, wenn sich Zunge im Mundwinkel verirrt und ich beim hochkonzentrierten Dahinbrettern Zeit und Raum vergesse.

Steuern lässt sich alles tadellos mit dem Keyboard. Schnell bekomme ich das richtige Gefühl für Fahrzeug, Konkurrenten und Strecke. Ich werde Rennen um Rennen besser und schalte nach und nach diverse Fahrhilfen ab und manchmal auch wieder an, weil hier kein Lenkrad an die Tischkante geklemmt wurde.

Ich beschliesse mich zu Weihnachten mit passender Hardware zu beschenken, denn Wreckfest motiviert mich besonders stark besser zu werden. Weil die Lernkurve dieses Spiel, ähnlich wie bei Flatout 1, steil, aber schaffbar ist. Fahrfehler haben eine klare Ursache, die sich stets zwischen Stuhl und Keyboard befindet. Rennen neu zu starten, weil man die eine Kurve so richtig verbockt hat oder sich zu sehr zu aggressiven Fahrmanövern gegen die Konkurrenz hat hinreissen lassen, führt nur selten zu Frustration. Denn ich weiß, was ich in diesem Moment besser nicht hätte tun sollen.

Diesbezüglich auch eine Frage: Kann mir jemand eine passable Lenkrad/Pedal-Kombination für Leute empfehlen, die nur hin und wieder richtig die Kurve kratzen wollen, aber nicht hauptberuflich Renn-Sims zocken? Sind Pedale nötig? Reicht nur ein Lenkrad mit entsprechenden Schaltern à la Formel-Sportwagen? Tausend Dank, oh Weisheit der Massen!

Aber nicht alles ist Gold, was in Wreckfest glänzt. Manchmal ist es nur der Speichel, der übrig bleibt, nachdem ich mein Gebiß von der Tischkante oder dem Keyboard habe lösen können.

Das Interface, obwohl es auf den ersten Blick sauber und aufgeräumt wirkt, lässt den Blick des Spielers über so manche essentielle Features streichen, ohne dass sie als essentielles Feature erkannt werden. So habe ich mich einige Stunden gefragt, wo ich denn bitte mein Fahrzeug besser vor Schaden schützen kann, nachdem ich entsprechende Bauteile freigeschaltet hatte. Das Menü für Performance-Bauteile war schnell gefunden, leichtere Pleuel, bessere Luftfilter oder leistungsfähigere Zündkerzen waren entsprechend schnell eingebaut. Doch wo zur Hölle sind Seitenschützer und Innenraumgestänge abgeblieben?

Nun, eigentlich genau dort, wo sich auch die Performance-Bauteile befinden. Nur einen Tab weiter rechts. Den man mit Q oder E erreichen kann.

Ist mir lange Zeit nicht aufgefallen, weil dieses Menüband sich genau an der Stelle befindet, wo sich auch diverse Features der Renn- und Meisterschaftsübersicht befinden, die ich aber nie benutzt habe, weil sie nie nötig waren. Ich habe mir also antrainiert genau diese Stelle des Bildschirms nicht mehr zu betrachten, weil es dort nichts gab, was ich gebraucht hätte. Wobei das UI gut ist. Aufgeräumt und klar, wenig Schriftarten und wenig unterschiedliche Font-Größen und strukturierte Farbgebung. Kein Fehler des User Interfaces, hier liegt ein klassischer Fehler beim sog. User Experience vor. Wobei das nur eine kleine Nicklichkeit ist, die ich nur deswegen erwähne, weil selbst ein gutes UI dazu führen kann, dass der User nicht das findet, was er eigentlich benötigt.

Sehr viel störender ist der Umstand, dass die Transparenz des Gameplays der normalen Rundenrennen den sog. „Challenges“ leider vollkommen abgeht. Die Challenges sind weniger klassische Rennen, sondern mehr Durchhalteaufgaben, wo man in Last Man Driving-Events das richtige Mittelmaß zwischen Schadensausteilung und Schadensvermeidung finden muss. Immer nur ausweichen hilft nicht, weil man genug Schaden anrichen muss, um genug Punkte zu bekommen. Immer nur rammen hilft aber auch nicht, weil man zum Schluss noch ein fahrtüchtiges Fahrzeug benötigt.

In offenen Arenen hilft mir die aus Flatout 2 gewohnte Taktik, wo man zuerst eine Weile im Kreis fährt, dabei allen ausweicht und erst dann aggressiv wird, wenn nur noch wenige Fahrzeuge übrig sind, etwas weiter, aber nicht genug. Entweder erzeuge ich zu wenig Schaden oder mein Fahrzeug gibt kurz vor Schluss den Geist auf. Die Konkurrenz ist äusserst aggressiv und rammt mich von allen Seiten, wenn ich zu langsam bin. Aber für präzise Attacken muss ich langsamer fahren. Oder ich warte, bis mir rein zufällig jemand passend direkt vor die Motorhaube fährt. Dann läuft aber das Zeitlimit ab.

Habe ich das falsche Fahrzeug? Bin ich zu wenig/zu viel gepanzert? Muss ich an Getriebe und Schaltung basteln? Ich weiß es nicht. Hier tappe ich im Dunkeln und kann nur blind raten. Das Spiel gibt mir nur die Rückmeldung, dass die Sache nicht geklappt hat, aber nicht WARUM sie nicht geklappt hat.

Noch schlimmer sind Desctruction Derby-Rennen, wo sich die Strecken überschneiden. Ich starte immer ganz hinten, schaffe es aber nicht nach vorne zu kommen, weil jeder das identische Fahrzeug hat. Warte ich ab, bis sich genug Gegner selber rausgeboxt haben, fahre defensiv und ausweichend, komme ich zwar nach vorne, aber dazu liegen dann die Spitzenreiter ZU weit vorne, bzw. reicht die Rundenanzahl nicht aus. Versuche ich die Spitzenreiter beim Entgegenkommen zu rammen, ramme ich mich entweder selbst mit raus, beschädige mein Fahrzeug zu stark, falle wieder zurück. Auch hier: Ist das überhaupt die richtige Taktik? Muss ich tunen?

Ich tune etwas, komme aber auf keinen grünen Zweig, weil ich nicht weiß, was ich hier tunen/tuen muss. Schneller um enge Kurven fahren ist sinnlos, weil die Rundenanzahl zu knapp ist, um diesen Zeitvorteil ausspielen zu können. Härtere Federung bringt gar nichts. Eine kürzere Übersetzung hilft etwas beim Beschleunigen, aber ich starte immer noch ganz hinten und die Rundenanzahl ist immer noch zu knapp. Ich MUSS aggressiv Gegner ausschalten, beschädige dabei aber weiterhin mein Fahrzeug zu stark oder verliere bei Rammstößen zuviel Zeit, falle wieder zurück.

Nach etlichen Dutzend Versuchen in diversen Challenges ignoriere ich diese Wettbewerbsart vollständig. Die steile, aber erklimmbare Lernkurve der „herkömmlichen“ Rundenrennen weicht einer Wand, an der ich mir wieder und wieder eine blutige Nase hole, ohne dabei sonderlich schlauer zu werden. Das ist keine Herausforderung, das ist Bullshit!

In anderen Challenges darf ich vor einem wild gewordenen Schulbus mit Mad Max-Attitüde ausweichen oder mich an Sitz-Rasenmähern versuchen. Letzteres ist anfänglich ziemlich witzig, aber nachdem ich mich am willenlosen Herumgurken sattgespielt hatte, fiel mir auf, dass das Gewinnen auch dieser Challenge weniger mit Fahrkönnen, sondern viel mit Zufall zu tun hat. Eines dieser Rennen gewinne ich, ohne tatsächlich „besser“ zu fahren. Sondern aus Zufall.

Ich ärgere mich über diese Gameplay-Modes so sehr, dass das positive Spielgefühl der Rundenrennen fast verschwindet und ich kurz davor bin das Spiel auf immer zu deinstallieren. Hätte ich es frisch gekauft, ich hätte für Wreckfest vielleicht spontan einen Refund beantragt. Zum Glück scheine ich „Challenges“ aber nicht zu benötigen, um in der Meisterschaft voranzuschreiten. Nur dieser Umstand rettet das Spiel vor einem riesengroßen FUCK YOU!

Von daher … kann ich Wreckfest jemandem empfehlen, der auch die Flatout-Spiele (FO1, FO2, FO Ultimate Carnage) von Bugbear mochte?

Ja, wenn man kein Problem damit hat die eine Hälfte des Spieles vollständig zu ignorieren. Oder wenn man es mag, ständig was auf den Latz zu bekommen.

Oder wenn man sich nicht ganz so ungeschickt anstellt wie meiner einer und weiß, wie man diese Challenges anzugehen hat, um auf einen grünen Zweig zu kommen 🙂

11 Kommentare zu „Flatout 1 Remaster

  1. Definitiv auch eins meiner lieblingsspiele. Vor allem da ich Flatout 1 mochte, aber mir Flatout 2 schon zu „Over-The-Top“ wurde. Einfach gutes dreckiges Destruction-Derby!

    Zu dem Lenkrad kann ich dir leider nicht weiterhelfen, bestenfalls bei den überschneidenden Strecken. Ich habe mir da meist einen ‚Verbündeten‘ gesucht den ich beim kreuzen sanft dazu animiert habe dem Gegner mal „Hallo“ zu sagen. In 4 von 5 Fällen gibts dannach 3 Kandidaten für die Notaufnahme, aber in Fall 5/5 kam ich aus dem Blechgeschredder besser heraus als meine Kontrahenten.

  2. Nutze seit einigen Jahren für meine Sims (RaceRoom und Assetto Corsa [Competizione]) ein T300 RS von Thrustmaster mit CSL-Elite-Pedalen von Fanatec. Zum Einstieg wäre das T150 eine Möglichkeit. Danach käme das G29 von Logitech, ist aber schon ne Ecke teurer. Vielleicht kannst du auch nen altes gebrauchtes Driving Force von Logitech erstehen, sind zum Einstieg definitiv ne Option.

  3. Die von Dir genannten Negativ-Gründe haben mich bisher auch von einem Kauf abgehalten, obwohl ich auch sehr gerne Flatout 1 und 2 gespielt hatte.

  4. Mit den Destruction-Derby-Rennen mit überschneidenden Strecken meinst du die Figure-8-Rennen, oder? Die sind wirklich oft reine Glückssache, wobei es meiner Meinung nach schon hilft, möglichst ausweichend zu fahren und keinesfalls bei den Kreuzungen jemandem reinzufahren. So kommt man auf halbwegs akzeptable Platzierungen, außerdem kann man sich durch Einzelrennen (nicht in der Karriere) neue Teile und (seltsamerweise auch) Geld zusammengrinden, sodass man sein Auto nach einiger Zeit auf das Maximum der fürs Rennen geforderten Fahrzeugklasse tunen kann. Das erleichtert auch die Figure-8-Rennen, die natürlich trotzdem etwas von einem Glücksspiel haben.

  5. Korrekt, das sind die Figure 8-Rennen. Und da ich kein Freund von Grind bin, bzw. das nur akzeptiere, wenn wie bei No Mans Sky der Grind hinter meditativem Space-Gedöns verschwindet … ignoriere ich diese Challenges einfach.

    Die „normalen“ Rundenrennen sind höchst motivierend und machen Spaß. Der einzige Unterschied zu früheren Teilen besteht darin, dass diese Challenges prominent als essentieller Teil der Meisterschaften angefeatured werden, anstatt einfach als optionaler Inhalt in einen eigenen Menüunterpunkt gepackt zu werden. So habe ich mich durch diese Rennen gequält, weil ich dachte, sie seien für die Meisterschaften nötig. Zumindest die erste Meisterschaft kann man auch ohne sie abschliessen und die zweite freischalten. Ich nehme an, dass diese Progression auch weiterhin gilt.

    So klar strukturiert das UI auch ist … es führt mich ständig in die Irre 🙂

  6. Umpf, diese „Hey! Vielfalt durch originelle Modi, weil immer im Kreis um die Wette fahren muss ja die Zielgruppe anöden“ hat mich schon in DiRT 2/3 (neben der pseudo Coolness) genervt. Gut zu wissen, dass hier dieser Käse rein optional ist!

  7. Kennt noch jemand Have an N.I.C.E. Day 1+2? Davon mal ein Remake…man darf ja noch träumen 😉

  8. Ja, oder Interstate ’76 – nur müsste man dafür vermutlich Schwarze Magie einsetzen. Denn die Zielgruppe ist scheinbar zu gering um das nötige Budget zusammen zu tragen, um es vernünftig hinzubekommen. Mit Road Rash ist dieses ehrhafte Vorhaben schon schmerzlich gescheitert.

    Nice 2 war ein „nettes“ Spiel, hatte aber übrigens schon damals null vom punkig-rotzigen Spirit des Vorgängers.

  9. NICE und Nachfolger sind mir entgangen, auch die ganze Need for Speed-Schiene habe ich lange nicht verfolgt, erst mit NfS Porsche in wenig reingeschnuppert. Rennspiel-mäßig kannte ich nur die Bleifuss-Ecke. Und Colin McRae Rally von 98. Wo ich meine Faszination am gekonnten Driften und beherzten Handbremseanziehen entdeckt hatte.

    Die CMR-Neuauflage dümpelt zwar irgendwo im Steam-Konto herum, aber da wollte ich erst mit einem Lenkrad reinschauen. Von daher Danke an Markus für seine Tips!

  10. Ich habe mir vor ein paar Jahren ein Logitech G27 aus zweiter Hand gekauft. Kann ich auch heute noch empfehlen. Kommt mit Pedalen, Schaltstick und unmengen Knoepfen. Ich benutze die Pedale und Stick auf fuer Flugsimulatoren, als Links/Rechts lehnen in Spielen wie ArmA usw.

  11. @Harzzach: dadurch, dass du bei Einzelrennen sowohl Geld als auch XP bekommst, kannst du die Karriere komplett links liegen lassen, weil du auch so durch normale Einzelrennen Autos und Teile freischaltest. Die Karriere ist ja nicht mehr als eine Aneinanderreihung von unterschiedlichen Rennen, die dir nicht mehr oder weniger Geld/xp bringt als die gleichen Rennen als custom events, also kannst du ganz auf deine eigene Art und Weise, wie es dir am meisten Spaß macht, alles freischalten und musst die Challenges nicht machen.

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