High Score – Eine Geschichte über das Treffen von Entscheidungen

Als Roberta Williams vor 40 Jahren auf dem Home-Computer ihres Mannes Ken das erste Mal in Kontakt mit einem der ersten Text-Adventure, Colossal Cave Adventure kam, musste sie unbedingt die letzte Höhle erreichen. Was dann auch für den Preis durchdachter und durchrätselter Tage und Nächte geschafft wurde. Kaum war das erledigt, hat Miss Williams eine Entscheidung getroffen. Sie hat entschieden auch eines dieser unglaublich faszinierenden Videospiele zu machen. Der Rest ist Videospielgeschichte:

Als nach ersten Flops und Enttäuschungen endlich Donkey Kong den erhofften Erfolg für das japanische Unternehmen Nintendo auf dem US-Markt einbrachte, dachte man sich bei Universal, dem riesengroßen und mächtigen Hollywood-Studio, mit einer Klage wegen Markenrechtsverletzung am eigenen King Kong-Franchise das kleine japanische Unternehmen und seine noch kleinere US-Tochter an die Wand zu fahren und sich mit ein paar Tagessätzen für die Anwälte an den damals schon beeindruckenden Videospielumsätzen bereichern zu können. Nintendo entschied sich ihre Interessen durch einen Anwalt vertreten zu lassen, der zwar keine Ahnung von Videospielen hatte, aber dafür umso mehr von Markenrecht. Der Prozess wurde klar gewonnen und anstatt in die Insolvenz geklagt zu werden, wurde das kleine japanische Unternehmen und seine US-Tochter zu Big N, einem großen, unfassbar erfolgreichen Videospiel-Konzern, der folgerichtig reich genug wurde, um selbst zu dem fiesen Drecksack zu werden, der damals Universal war. Doch das ist eine Geschichte für ein anderes Mal. Als Dank, weil Nintendo ihm eigentlich ALLES zu verdanken hat, wurde der Anwalt später unsterblich gemacht:

Auf Netflix läuft derzeit „High Score„, eine Dokumentation über Videospiele, von den frühen Anfängen der Arcademaschinen bis hin zu den technischen Wunderwerken, die wir heute als alltäglichen Standard betrachten. High Score versteht sich aber nicht als akkurate und umfassende historische Dokumentation, sondern eher als rein subjektiver Blick auf über 40 Jahre Videospielgeschichte. Ganz essentielle und wichtige Ereignisse und Personen werden entweder gar nicht genannt oder nur kurz am Rande erwähnt. Wer also einen umfassenden Überblick über die Anfänge unseres Hobbies erfahren will, sollte High Score vielleicht zuerst beiseitelegen und später wiederkommen, wenn man genug weiß, um all die Ereignisse und Personen und vor allem die Auslassungen richtig zuordnen kann.

Wer aber etwas über die allerersten eSportler wissen will, deren Können und Ausdauer mit Space Invaders, Super Mario oder Tetris sie ins Rampenlicht einer damals schon videopielverrückten Öffentlichkeit rücken ließen … der ist hier richtig.

Wer etwas über das Leben als Nintendo Game Counselor wissen will, wo man, ja ich weiß, total verrückt, am Telefon ratlosen und verzweifelten Gamern weitergeholfen hat, anstatt dass diese einfach im Internet nachschauen … der ist hier richtig.

Und wer sich erneut bewusst machen will, dass unser allseits geliebtes Hobby auch schon damals™ nur ein durch und durch kommerzialisiertes Produkt war und früher™ NICHTS, aber gar nichts besser, sondern einfach nur anders war … der ist hier richtig.

In High Score kommt die zweite, dritte und vierte Reihe zu Wort. Leute, von denen in solchen Dokumentationen normalerweise nie die Rede ist. Der Gewinner der allerersten Videospielmeisterschaft in Space Invaders, später Gaming-Journalist, Programmierer, Designer und Mitbegründerin von Interplay, Becky Heinemann. Der Sound-Designer von Donkey Kong, Hirokazu Tanaka. Und viele andere, ohne die es das alles nie gegeben hätte, von denen aber niemand weiß, dass sie überhaupt existiert haben. Die alle eines Tages entschieden hatten: Das mache ich jetzt! Ich weiß zwar nicht wie, weil es nichts vergleichbares zuvor gegeben hat, aber ich will das jetzt machen!

Und wie Roberta Williams vor einem großen weißen Blatt zu sitzen und sich zu fragen … wie fange ich überhaupt an? Roberta Williams hat einfach damit angefangen die Welt zu skizzieren, in der ihr Spiel stattfinden sollte. Weil sie keine Programmiererin war. Sondern eine ganz normale Hausfrau. Aber fest dazu entschlossen ein Videospiel zu machen. Tanaka weiß mittlerweile gar nicht mehr, wie er all diese Klänge nur mit Hilfe selbstgebastelter Schaltkreise zusammengelötet hatte, viele Ergebnisse daher eher dem Zufall als durchdachter Vorgehensweise geschuldet waren.

Ich weiß nicht, wie es Euch dabei geht, aber hänge bei solchen Geschichten immer mit großen Augen vor der Glotze!

High Score. Nichts für n00bs und Anfänger. Eher für Pro-Gamer und Leute, die gerne mehr wissen wollen.

In diesem Kontext weise ich auch gerne auf noclip hin, den krautfundierten Videokanal zur Dokumentation der jüngeren Videospielgeschichte.

Und, weil ich gerade eben rein zufällig darauf stieß:

https://noclip.website

Eine Art Internetmuseum für Videogame-Level. Geile Sache, das!!

5 Kommentare zu „High Score – Eine Geschichte über das Treffen von Entscheidungen

  1. Oh lieben Dank für den Tipp! Grad zum zweiten Mal die „Doku-Reihe“ Toys That Made Us gesehen und ich liebe diese Geschichten. Wie Leute mit willkürlichen Bauch-Entscheidungen und halbgaren Marketing-Gefühl bis hin zu -Gleichgültigkeit, Mega-Erfolgs-Marken wie He-Man oder die Ninja Turtles geschaffen haben. Durch Zufälle, durch Timing, durch Mut(?) aber vorallem auch durch einfach mal Machen. Ich verspreche mir hier ähnliches 🙂

  2. Hab gestern alle Folgen am Stück durchgesehen 😅

    Ich liebe diese Pixel „Zwischensequenzen“, ich sag nur „John Carmack programmiert zu Heavy Metal beidhändig und headbangt“ 😂

  3. Und selbst John Romero ist mir jetzt sympatisch. Und vor John Carmack kann man nur den Hut ziehen. Der Typ hatte/hat es ganz sicher drauf. Das ist ein großartiges Doku-Format, von dem ich nicht genug kriegen kann.

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