Non-Gaming Interludium: Damals™

Manche Menschen denken beim Begriff „Geschichte“ nur an das eigene Treiben im Internet, laufen rot an und versuchen selbige instantan aus dem Browser zu löschen. Andere denken vielleicht an schläfrige Stunden in der Schule, wo überforderte Lehrer lediglich den Lehrstoff runterrasseln und alle Beteiligten froh sind, sich am Ende des Schuljahres ohne viel Aufhebens auf Nimmerwiedersehen zu trennen.

Wer aber schlau genug ist, um die Privacy-Features aktueller Browser zu nutzen und wer sich mehr für Geschichte interessiert, dem möchte ich ein paar History-Channels auf Youtube vorstellen, die in Sachen Fachwissen und Produktionsqualität professionellen Dokumentationen mittlerweile in nichts nachstehen.

Mein persönlicher Interessensschwerpunkt liegt auf Militärgeschichte im Allgemeinen und dem 2. Weltkrieg im Speziellen, seit ich als kleiner Zwuggel auf dem elterlichen Dachboden auf alte Jugendbücher meines Vaters gestoßen bin, der mit Jahrgang 1927 alt genug war, um kurz vor Ablegen des Abiturs noch für die letzten Monate eingezogen zu werden. Viel erzählt über diese Zeit hat er nicht, aber als Klein-Harzzach mit vor Begeisterung roten Ohren darüber berichtete, was er in diesen Büchern gelesen hatte, war das meinem Vater sichtlich nicht besonders recht. Denn das waren Jugendbücher, mit denen die Nazis Patriotismus und Opferbereitschaft in die Köpfe der Kinder pflanzen wollten und dementsprechend glorreich und faszinierend waren auch die in Romanform gebrachten Frontberichte aus dem Frankreich-Feldzug und den ersten Kriegsmonaten gegen die Sowjetunion zu lesen. Verboten hat er mir damals nichts. Nur mich an seinen eigenen Bücherschrank geführt, wo sich Meter um Meter Bildbände, Abhandlungen und Chronologien des 2. Weltkrieges befanden. Damit ich lerne, wie es wirklich war.

Alle folgenden Channels sind auf Englisch. Wer dieser Sprache nicht oder nicht genug mächtig ist, für den gibt es selbstverständlich deutsche Untertitel.

Und wisaut furser aduu …

Kings and Generals

Ursprünglich als Total War-Channel konzipiert, hat sich Kings and Generals mittlerweile zu einer ausgewachsenen Dokumentationsplattform entwickelt, auf der mit erheblichem Aufwand produzierte Schlaglichter auf militärische Konflikte aus allen Jahrhunderten und allen (!) Ecken der Welt geworfen werden. En detail wird unter anderem die Abfolge moderner Konflikte wie des Korea- oder Sechstagekrieges dargestellt. Wer aber mehr über z.B. die Sklavenaufstände im antiken Rom, die Geschichte turkmenischer Reitervölker oder die diversen Konflikte in den ottomanischen Kriegen wissen will … der wird auch fündig.

Über Kings and Generals bin ich auf The Cold War gestoßen, ein Sub-Channel der Könige und Generäle, wo es „nur“ um den Kalten Krieg zwischen West und Ost nach dem 2. Weltkrieg in all seinen Facetten geht.

The Cold War

Eine etwas andere, aber nicht weniger aufwendige Präsentation. Das ist ein Kanal, der uns noch auf Jahre hinaus begleiten wird, denn möchte man diese zeitgeschichtliche Phase so umfassend wie nur möglich abhandeln, was das Team hier auch möchte, wird man Jahre benötigen. Denn neben den allgemein bekannten Themen wird auch hier der Blick auf weniger bekannte Ereignisse gerichtet. Wie z.B. der griechische Bürgerkrieg. Oder die Geburtswehen des Staates Indonesien. Ereignisse, von denen wir hier kaum etwas, in der Regel aber gar nichts wissen. Und selbst bei den eher bekannteren Themen werden Aspekte beleuchtet, die sonst gerne unter den Tisch fallen.

Gerade diesen Kanal möchte ich wirklich empfehlen!

Ein eher monumentales Unterfangen wird bei World War Two unternommen. Jede Woche erscheint ein neues Video, in dem die Geschehnisse einer jeden Woche des 2. Weltkriegs vorgestellt werden, beginnend mit dem 01. September 1939. Der Untertitel „WW2 in Real Time“ ist hier also wörtlich zu nehmen.

World War Two – Week by Week

Durch das Herunterbrechen auf lediglich den Zeitraum einer Woche wird versucht dem Zuschauer ein möglichst komplettes Bild einer für die damaligen Zeitgenossen verwirrenden und unübersichtlichen Situation zu bieten. Es wird versucht mit populären Halbwahrheiten und Mythen aufzuräumen und selbst jemand, der glaubt sich mit bestimmten Teilbereichen der damaligen Geschehnisse gut auszukennen, wird das eine oder andere Detail erfahren, welches sich normalerweise nicht in Geschichtsbüchern finden lässt. Meist aus dem simplen Grund, dass damals so viel auf einmal passiert ist, dass viele Ereignisse schlichtweg von der Öffentlichkeit vergessen wurden. Oder weiß jemand von Euch, dass im Mai 1940 England in Island einmarschiert und die Insel besetzt hat, weil die isländische Regierung sich weigerte die Neutralität der Insel aufzugeben und sich den Alliierten anzuschliessen?

Die Kriegsverbrechen dieser Zeit werden nicht verschwiegen und in bedrückenden Beiträgen nüchtern und möglichst vollständig beschrieben. Auch wird versucht der in manchen Köpfen immer noch steckenden Propaganda entgegenzuwirken und im Gegensatz zu manch anderen Geschichtskanälen auf Youtube kann man hier tatsächlich die Kommentare lesen, weil die deutliche Mehrheit der zuschauenden Kommentierer ebenfalls keinen Bock auf das Geseiere der diversen Selektivwahrnehmer aus Ost und West hat.

Zum Schluss noch der Hinweis auf Military Aviation History, ein Kanal, der, wie die Könige und Generäle, als Videogaming-Channel begann, sich im Laufe der Zeit allmählich weg von Flugsimulatoren wie IL-2 Sturmovik hin zu historischer Dokumentation bewegte.

Der Augenmerk liegt zwar weiterhin auf militärische Flugzeuge aus allen Dekaden, aber mit deutscher Gründlichkeit begibt sich Christoph Bergs aka „Bismarck“ in die Untiefen historischer Archive und wühlt sich so lange durch Frontberichte, Lageanalysen und Beschaffungsdokumente, bis er das aktuelle Thema das Videos erschöpfend und final belegen und entsprechende Aussagen nachweisen kann. Seine Videos sind vielleicht nicht immer so unterhaltsam wie bei anderen History-Channels, aber was ihm an Entertainer-Qualitäten abgeht, macht er durch ausführliche und gründliche Recherche mehr als wett. Wer sich ernsthaft für diesen Aspekt der Geschichte interessiert, kommt an ihm nicht vorbei.

7 Kommentare zu „Non-Gaming Interludium: Damals™

  1. Ah, wenn du eh Bismarck schon erwähnst: Military History Visualized ist auch sehr zu empfehlen, der ist eher am Boden als in der Luft unterwegs und gräbt gerne mal Primärquellen aus, um zB die Taktik einer bestimmten Truppengattung einer Nation im 2. Weltkrieg vorzustellen. Von der Art der Präsentation sind sich die beiden sehr ähnlich, sie kooperieren auch viel, machen gemeinsam Q&As und so Zeugs. MHV hat halt einen sehr starken österreichischen Akzent, der das Zuhören teilweise etwas mühsam macht, aber die Qualität des Gesagten wiegt diese Kleinigkeit mehr als nur auf.

  2. Ach gugge mal, hier sind also noch mehr Militärhistoriker unterwegs. Ich würde die Liste dann noch ergänzen um:

    ‚The Great War‘ – Die bereiten den ersten Weltkrieg tatsächlich Tag für Tag auf.

    ‚Mark Felton Productions‘ – Beschäftigt sich mit dem 2. Weltkrieg. Mitunter ein wenig durcheinander, da kann sich dann ein Video zum Beispiel mit einem bestimmten Panzer-, Flugzeug- oder Schiffstyp beschäftigen, das nächste dann mit japanischen Invasionsplänen für die Sowjetunion und das nachfolgende dann mit irgendwelchen Nazigrößen. Man sollte sich aber davon nicht täuschen lassen, die Videos haben immer Hand und Fuß und der Mann weiß, wovon er redet.

    Und ansonsten auch meine Empfehlung für ‚Military History Visualised‘ und den Zweitkanal des Mannes, der dann sinnigerweise ‚Military History not Visualised‘ nennt. Und stimmt, der Kanal ähnelt von in der Art der Aufmachung und der Präsentation stark ‚Military Aviation History‘. Und der Mann gräbt dann mitunter schon sehr tief und gründlich und buddelt irgendwelche Feldmanuale oder Handbücher für bestimmte Waffengattungen oder Spezialfahrzeuge aus. Und ich hab noch NIE irgendwelchen Mördschndeis Krams von irgendwelchen Youtubern gekauft, aber das T-Shirt „You had me at Selbstfahrlafette auf Fahrgestell Tiger I mit 38 cm Raketen Werfer 61“ musste ich einfach haben – und ich hab jedesmal, wenn ich das Ding anziehe, ein glückliches Nerdgrinsen im Gesicht.

    Der Akzent ist mir persönlich eigentlich nie aufgefallen, ich fand und finde das Englisch des Mannes bislang immer sehr gut verständlich, aber das mag eine Frage der Hörgewohnheiten sein. Ich schau mir zum Beispiel alle original Englischsprachigen Filme und Serien grundsätzlich im Original an und bevorzuge auch meine Spiele auf Englisch (schon weil die deutsche Synchro ist in den letzten Jahren so dermaßen schlecht geworden ist), aber wenn ich mir ‚The Boys‘ anschaue, dann muss ich bei so ziemlich allen Ansagen von Frenchie dann doch die Untertitel zuschalten, weil ich bei dessen starkem französischen Akzent meist einfach nur noch ‚gare‘ verstehe.

  3. Verständlichkeit ist für mich auch gar nicht so das Problem mit MHV, sondern eher, dass sich sein Englisch fast schmerzhaft nach typisch österreichischem Schulenglisch anhört 😀
    Mark Felton ist mir schon ein paar Mal bei den Vorschlägen untergekommen, den muss ich mir auch mal anschauen, danke für den Tipp 🙂
    Und eine kleine Ergänzung zu The Great War: das sind zumindest teilweise die selben wie hinter World War 2, die Harzzach schon vorgestellt hat. Der Sprecher ist mir irgendwie bekannt vorgekommen und daher hab ich nachgesehen.
    Mit Einschränkung empfehlenswert ist auch noch TIK, der beispielsweise die Schlacht um Stalingrad s e h r detailliert behandelt, leider hält er mit seinen politischen Ansichten nicht immer hinterm Berg, aber wenn man das ausklammert, leistet er schon gute Arbeit.

  4. Fällt mir eben noch ein, darf es vielleicht auch analog sein? Wer sich für das Thema 1. Weltkrieg interessiert, sollte vielleicht einmal einen Blick auf zwei Bücher werfen, die ich wärmstens empfehlen kann.

    „Die Schalen des Zorns – Großbritannien, Deutschland und das Aufziehen des 1. Weltkriegs“ von Robert K. Massie. Das Buch untersucht sehr genau die Beziehungen zwischen den beiden Nationen so von den 1870iger Jahren und dem Rücktritt Bismarck an und geht der Frage nach, was zu den Spannungen führte, die letztlich mit zum Weltkrieg führten. Ist von 1998, was der Sache keinen Abbruch tut und sollte immer noch zu finden sein. Ich hab zum Beispiel eine so gut wie neuwertige Version für ’n Appel und ein Ei auf Amazon gekauft.

    „Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ von Christopher Clark. Ebenfalls eine Analyse der Ursachen des 1. Weltkrieges, aber mit einem wesentlich breiteren Fokus. Schon die Frage, was die Hintergründe und Ursachen für das Attentat von Sarajevo war, ist da hochspannend – da spielen in der Tat hunderte Jahre serbische Geschichte vor dieser Tat eine Rolle.

    Und wenn ich schon einen auf Buchhändler mache, noch eine Empfehlung die zwar nichts mit Militärgeschichte zu tun hat, aber die ich gerade heute jedem an’s Herz legen würde und zwar „LTI – Lingua Tertii Imperii oder: Die Sprache des Dritten Reiches“. Geschrieben von Victor Klemperer, seines Zeichens nicht nur Linguist an der Uni Dresden, sondern auch Jude, der den größten Teil dieser Zeit in einem Dresdner „Judenhaus“ verbrachte und den Krieg nur knapp und mit viel Glück überlebte. Der hat sich die geistige Gesundheit damit bewahrt, dass er wärend dieser Zeit die Sprache der Nazis analysierte und seine Beobachtungen in ein Tagebuch eintrug, aus welchem dann nach dem Krieg dieses Buch entstand.

    Lässt sich auf Grund seiner kurzen und voneinander unabhängigen Kapitel sehr gut lesen, kommt nicht ohne einen eigenen Humor daher und ist ansonsten ein hochspannendes Lehrstück nicht nur über die Sprache des Dritten Reiches, sondern über Sprache in allen totalitären Systemen und über Sprache an sich. Witzigerweise war das Buch in der DDR frei erhältlich – was mich immer gewundert hat, weil es unter anderem dieses Buch war, welches bei mir erste Zweifel an meiner sozialistischen Heimat geweckt hat. Waren die Ähnlichkeiten zwischen der LTI und dem DDR-Staatssprech doch eigentlich nicht zu übersehen. Und auch die Parallelen zur LTI und zum DDR-Sprech, wenn heute mal wieder eine Maßnahme als ‚alternativlos‘ verkauft wird und ‚jetzt die Leitschnur unseres Handelns sein muss‘, fallen bei der Lektüre schon in gruseliger Weise auf.

  5. Danke für die Buchtipps! LTI hab ich schon gelesen, ist wirklich sehr, sehr interessant und definitiv weiterzuempfehlen. Die Schlafwandler hab ich auch schon so einige Zeit im Hinterkopf, um endlich mal ordentliches Überblickswissen zum 1. Weltkrieg zu bekommen und Die Schalen des Zorns eignet sich wohl gut dafür, die Zeit davor zu verstehen.

  6. Danke für die vielen Tipps! ^^

    Im übrigen, war ich immer sehr zufrieden im Geschichtsforum.de Da wurde mir schon bei mancher wirren Detailfrage geholfen. Noch so ein richtig schönes oldschool Nerdforum. : )

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