Der Lauf der Dinge

Derweil manche Leute aus guten Gründen einen Heidenspaß mit Cyberpunk 2077 haben und andere ihrem ebenso berechtigten Frust freien Lauf lassen, muss man als unbeteiligter Beobachter vom Spielfeldrand sich schon etwas verwundert am Kopf kratzen.

Nein, eigentlich nicht. Je länger ich über diese Thematik nachdenke, umso weniger bin ich überrascht, wie sich die Dinge schlussendlich darstellen.

CD Projekt, sich einst selbst als Rebell präsentierend wider die phösen Majors und ihre Vorstellungen davon, wie Geschäfte in der Videospielebranche zu machen sind, hat eine nahezu unvermeidliche und leider vorhersehbare Wandlung abgeschlossen.

Da wird ein Spiel unfertig auf die Käufer losgelassen, nicht weil man es nicht besser kann oder weil das Geld ausgegangen ist oder weil ein phöser Publisher voll ganz arg gemein zu dem armen, kleinen Entwickler war. Rein finanziell steht CD Projekt gut da, es bestand keine Zwangslage, wo man ums Verrecken auf die Einnahmen aus dem Weihnachtsgeschäft angewiesen ist. Das Spiel hätte man durchaus noch ein ganzes Jahr verschieben können, ohne die Firma in den Ruin zu treiben.

Es ist gut möglich, dass Cyberpunk 2077 ums Verrecken noch so gerade ins Weihnachtsgeschäft 2020 gepresst werden musste, weil die Geschäftsleitung den Covid-19-bedingten Videospiel-Boom mitnehmen wollte, bevor diverse Impfstoffe die Leute wieder daran erinnern, dass man endlich wieder andere Dinge tun darf und sich nicht mehr in den eigenen vier Wänden sozial distanzieren muss. Es ist davon auszugehen, dass 2021 & 2022 für die Videospielbranche nicht mehr extremst viel Geld, sondern nur noch das sonst übliche, normal-viele Geld einbringen werden. Mit solchen Rekord-Umsätzen (laut CDP sollen alleine schon die Vorbestellungen in Höhe von acht Millionen Einheiten sämliche Kosten eingespielt haben) kann man nämlich die Investoren zufriedenstellen, die zwar bei CDP nicht die Aktienmehrheit haben, aber trotzdem allen gewaltig auf den Sack gehen. Denn mehr ist nicht genug, es muss ALLES sein. Und man kann sich selbst natürlich fette Boni auszahlen, die enorm hilfreich dabei sein können sich morgens noch im Spiegel anschauen zu können.

Und weil es nicht einfach um mehr Geld geht, sondern immer nur um ALLES Geld, hat man den Titel auch für die PS4- und One-Vanilla veröffentlicht, obwohl diese Hardware mit dem aktuellen technischen Stand des Spieles vollkommen überfordert ist. Anstatt diese Versionen ganz zu streichen oder vielleicht später zu veröffentlichen.

Und weil es immer nur um ALLES Geld geht, hat man auch die Konsolenversionen mit Bildmaterial aus der PC-Version auf hochgezüchteter Monster-Hardware beworben. Weil das logischerweise hübscher aussah und mehr Eindruck beim Kunden macht, der nicht merkte, wie er hier dreist belogen wurde.

Aber PC-Herrenmenschen haben auch nicht viel zu lachen. Zu viele (!) haben teilweise herbe technische Probleme und das ganz ohne integriertes Denuvo-DRM-Modul. Das Spiel läuft auf manchen Rechnern richtig gut, auf zu vielen (!) anderen ist es eine Katastrophe. Hier haben noch etliche Monate QA-Arbeit, Politur und Feinschliff gefehlt.

Was aber, und jetzt kommen wir zum entscheidenten Punkt, nur auf Kosten der Angestellten von CD Projekt passiert wäre, die eh schon seit Monaten (!) im Dauer-Crunch arbeiten müssen und mit einem vertrackten Boni-System dazu verleitet wurden immer noch mehr zu arbeiten. Denn es geht nicht nur darum den Angestellten viel Arbeit abzuverlangen, sondern ihnen ALLES abzuverlangen!

CD Projekt war noch nie der Heiland der Spielebranche. Seltsame Aktionen wie z.B. das desaströse Marketing zum Ende der Beta-Phase von GOG oder die Zusammenarbeit mit sattsam bekannten Abmahnparasiten im Zuge des Releases von The Witcher 2, haben schon vor Jahren gezeigt, dass da wahrlich nicht alles Gold ist, was glänzt.

Aber den Jungs um Marcin Iwiński und Michał Kiciński wurde viel verziehen, weil es sind doch die Guten und DRM-Freiheit und ums Prinzip und überhaupt!

Dann kam The Witcher 3 und es wurden erste, üble Geschichten um den damit verbundenen, seit Monaten andauernden Crunch im Entwicklungsteam bekannt. Naaaa, das sind die Guten, da ist nur ein entlassener Entwickler sauer!

Dann kam das Release von The Witcher 3 und jeder konnte nun selbst sehen, was sich nur wenige Monate vorher angedeutet hat. Die Release-Fassung sah deutlich (!) schlechter aus das Bildmaterial, mit dem man ein, zwei Jahre vorher für das Spiel geworben hatte. Was zuerst zu sehen war, hat die Leute, inklusive meine Wenigkeit, wirklich umgehauen. Boahhh ey, war das geil!!! Nun, häßlich war das Endergebnis nicht, aber aber eben deutlich (!) weniger geil aussehend, weniger detailliert, weniger atmosphärisch. Das solche Downgrades (oder laut CDP: „Optimierungen“) im Zuge eines Projektes stattfinden können, weil sich das Art Design ändert oder manchmal sogar müssen, weil man sonst nicht im Zeit- und Budgetrahmen bleiben kann … geschenkt. Passiert. Übel war hier im Grunde nur die Kommunikation mit den Fans, die man zuerst unglaublich heiß gemacht hatte, um ihnen kurz vor Release stillschweigend die neue Optik zu präsentieren und erst nach Wochen eines erhitzten Shitstorms eher unglückliche Statements von sich gab, bei denen man nur dachte, was die Leute bei CDP denn jetzt geraucht haben.

Macht man das, wenn man einer der Guten ist?

Oder macht man das, weil man sich vielleicht bemüht einer der Guten zu sein, es aber immer wieder nicht hinbekommt, weil es doch nur ein oberflächlicher Marketing-Gag ist?

Vielleicht meint man in der Geschäftsführung von CDP immer noch einer der Guten zu sein. Ich würde sogar darauf wetten, dass man dort felsenfest davon überzeugt ist einer der Guten zu sein. Dass man aber nicht so handelt und lediglich scharf auf monster-mäßige Umsätze ist, seine Kunden belügt und entgegen von öffentlichen Versprechungen *doppelschwör* auf Crunch zu verzichten, dann doch wieder die Leute crunchen lässt, als ob diese nur Maschinen wären … zeigt nur, wie gut Menschen sich selbst belügen können. Denn angesichts des Widerspruches zwischen dem selbsterhobenen Anspruch und der bitteren Wirklichkeit des Handelns ist es ungemein faszinierend, dass ausgerechnet ein Spiel namens Cyberpunk 2077 der Öffentlichkeit klar aufzeigt, was CD Projekt mittlerweile ist. Genau das, was im Cyberpunk-Genre oft genug die Seite des Bösewichtes einnimmt:

Eine seelenlose, skrupellose Megacorporation!

Insofern fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass CDP logischerweise so tut, als ob Cyberpunk 2077 nicht politisch sei, obwohl gerade Cyberpunk das politischte SF-Genre überhaupt ist und der Schöpfer speziell dieses Settings, Mike Pondsmith, explizit betonte, dass nicht nur sein Spiel, sondern ALLES politisch ist.

Aber was macht nicht alles, um nicht auf die Umsätze ignoranter Bro’s verzichten zu müssen, die sich gerne in der Illusion wiegen wollen, dass ausgerechnet ein Spiel mit diesem Setting und der dort erzählten Hintergrundgeschichte nicht politisch sei. Man lügt.

Weil man eine seelenlose, skrupellose Megacorporation geworden ist!

10 Kommentare zu „Der Lauf der Dinge

  1. Was ich vom Zustand des Spieles halte, hab ich mir ja schon von der Seele geschrieben. Was den Rest angeht… naja, ich meine, das konnte man schon gut an der Entwicklung von Galaxy beobachten. Schon nach Veröffentlichung der ersten Version bekam man den Client beim Download auf’s Auge gedrückt. Und inzwischen sucht man sich nach Offline-Dateien tot.

    Mit Galaxy 1.0 konnte man noch einfach die Installationsfiles sichern. Heute sucht man sich zu tode, bis man unter ‚Extras‘ dann ganz unten eine Option entdeckt „Offlinedateien herunterladen“. Ja klar, macht Sinn. Da ist einer, der eine 1.6er Leitung hat und das Spiel sichern will, weil er eben NICHT die Möglichkeit hat, riesige Dateimengen mal eben schnell herunterzuladen, also lassen wir ihn den ganzen Download, auf dessen Beendigung er zwei Tage warten musste, einfach NOCHMAL herunterladen.

    Und wieso bitteschön ist die Installation von Cyberpunk 2077 64 Gb groß, die ‚Offlinedateien‘ sind aber ein Download von über 100 Gb? Klapperts bei denen? Oder versucht man da etwa, dem Kunden Steine in den Weg zu legen, weil man DRM-frei inzwischen gar nicht mehr so toll findet?

    Mehrwert sehe ich bei Galaxy 2.0 auch nicht, auf die Verknüpfung von Konten pfeif ich und sonst gibt es da nichts, was mich zur Nutzung motivieren würde. Wie viele Leute haben sich auf GOG schon über die kontrastarme Schrift beschwert oder darüber, dass sie dieser Farbwechsel beim durchklicken der Spiele nicht nur nervt, sondern dass manchen Hintergründe für Leute mit Sehschwäche das Lesen massiv erschweren. Kratzt GOG kein Stück.

    Hauptsache, man implementiert ein sinnfreies und nerviges Fenster das mir zeigt, was wildfremde Leute auf irgendwelchen Plattformen für Spiele spielen, die mir völlig egal sind. Irgendwo auf der Welt spielt einer „Watch Dogs 3“? Echt jetzt? Boaaah, danke GOG!

  2. Wie? Es interessiert Dich nicht, was andere Leute jetzt via Galaxy spielen? Aber social und so, hör ma!

    *mwahahaha*

    Ja, ist ziemlich sinnfrei. Nicht nur das Rumgezicke wegen der Steam-Integration hat mich zurück zu Playnite geführt. Galaxy 2.0 ist in etlichen Belangen noch eine Beta, die man sich zwar geben kann, wenn man neugierig ist, aber für den, erm, produktiven, sprich nerv-freien Freizeiteinsatz … nope. Bei weitem noch nicht!

  3. Hatte ja in meinem letzten Beitrag zu CDPR auf deinem Blog noch Hoffnungen, daß es doch nicht so schlimm wäre, aber was man inzwischen alles lesen musste ist ja eine einzige Katastrophe. Bonus an Metacritic-Score gebunden (how the fuck sind acht Millionen Vorbestellungen nicht bereits genug Anlass den Bonus zu zahlen? Das Geld dafür ist damit ja wohl vorhanden), dieses Token-System klingt so abgrundtief schlecht und anfällig für Mißbrauch, da weiß ich gar nicht, wo ich anfagen sollte…

    Daß CDPR es anders hätten machen können, zeigt sich doch daran, welche Reputation sie zu ihren Kunden aufgebaut haben (hatten). Und das hat sich nicht auch intern umsetzen lassen können? Bullshit.

  4. Ich sag jetzt mal was ganz schlimmes: Ich fand den Witcher 3 gar nicht mal so dolle. Klar, das ganze Setting, Dialoge, Grafik etc. war sehr gut gemacht. Aber vom Gameplay her isses ne Gurke. Fast-Attack Gespamme, sich automatisch auffuellende Traenke, Oele und Bomben, levelgebundene droprates, verkorkste Economy etc. Ich habe mich auf Schwierigkeitsgrad „Deathmarch“ gelangweilt. Gehypt wurde das Spiel bis zum gehtnichtmehr trotz der ganzen Macken.
    Deswegen bin ich by Cyberpunk 2077 auch sehr zurueckhaltend. Die ganzen Trailer sahen toll aus, aber das Gameplay bleibt wohl wieder auf Konsolenniveau.
    Ich denke das ist auch ein Zeichen fuer die Gewinnmaximierung, die CDPR da betreibt.
    Hoffnung habe ich fuer die Modding Community. Die haben den Spass fuer den Witcher 3 zurueckgebracht. Da gibts Mods welche die Gameplaykomplexitaet deutlich steigern und interessanter machen.

  5. Ich mach das einfach wie mit Witcher 3. Ich spiele es nach einem Jahr oder zwei, wenn ich die passende Hardware gekauft habe und das Spiel ordentlich gepatcht wurde. Wird doch keiner gezwungen jetzt zu kaufen und zu spielen, und wer vorbestellt hat, dem ist eh nicht mehr zu helfen.

  6. Du, vernünftige Kunden wie Dich kann die Industrie gar nicht gebrauchen. Schäm Dich was!

  7. Ja, deswegen bestrafen sie mich dann auch noch damit, dass ich dann nur noch ein Drittel zahle 😉

  8. Ich bin inzwischen völlig raus aus dem Thema und habe das PS4-Spiel zufällig kurz vor dem Lockdown im Laden gefunden, mich daran erinnert (ach ja, da war mal was vor zig Jahren) und die Retail-Box ca. 17 % unter dem Listenpreis mitgenommen. Vielleicht werde ich auch mal auf ähnliche Weise an Star Citizen Squadron 42 kommen. 😉

    Vom Vorbestellungs-Hype habe ich nichts mitbekommen. Außer daß ich mal zig Jahren mal ein Video von einer Spielekonferenz gesehen habe, wo sie Menschenmassen in der Engine demonstriert hatten, wo mir schon damals klar war, daß das am Ende nicht so aussehn wird. Ich habe nichts von Keanu Reeves mitbekommen. Internet-Kommentare lese ich auch nicht mehr, seit ich weiß, daß die zum großen Teil Spoilern und offensichtlich unwahrem Hörensagen bestehen (gerade in Hinsicht auf Politisches).

    In der Box habe ich neben einer Falt-Karte, Aufklebern und gedrucktem Handbuch (!) auch zwei Discs gefunden, habe zuerst die „Data Disc“ eingeworfen und parallel dazu wurde offenbar der Inhalt der „Play Disc“ aus dem Netz gezogen. Nach 45 min waren die 117 GB auf die Festplatte entpackt. Das früher übliche „Installiere im Hintergrund während du das Intro spielst“ wurde ja leider abgeschafft.

    Ein paar Käfer sind drin. Daß ein Spiel seine Settings vergißt, wenn man über „Close Application“ aus dem Spiel geht, darf nicht passieren, ist inzwischen aber gefixt. Von Abstürzen, zu spät ladenden Texturen oder den vielzitierten Performance-Problemen habe ich als Besitzer des PS4-Sparbrötchens nichts mitbekommen – Ich habe aber auch San Andreas auf der PS2 und Red Dead auf der PS3 überlebt. Die Grafik entspricht dem, was man von einem Multiplatformtitel erwarten kann, da fällt nichts besonders negativ oder positiv auf. Erfreulich ist, daß man auch in der Konsolenfassung Film Grain, Motion Blur, Lens Flare, Chromatic Aberration, Depth of Field und anderen Rotz in den Settings ausschalten kann, so daß man wieder den üblichen 2000er-Look erhält. Zur Story kann ich natürlich erst was sagen, wenn ich sie durch habe.

    Fazit: Bin jetzt also ein richtiger Casual-Traumkunde geworden, dem alles egal ist, weil er er nur ein (Fast-)Vollpreis-Spiel pro Jahr kauft. Die Marketingausgaben waren zumindest in meinem Fall samt und sonders verschwendet, ich habe vom Pre-Release-Marketing NICHTS mitbekommen. Und ich gebe auch zu: Wenn es erst nächstes Jahr oder nur für die PS5 erschienen wäre, hätte ich es vermutlich komplett übersehen.

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