Der Muttersprachen-Modus

Die letztes Jahr zu Iron Harvest erschienene Demo schien all denen Argumentationsfutter zu liefern, die Demos ablehnen, weil man damit das Risiko eingeht mehr kaputt zu machen, als für reges Interesse zu sorgen. Denn diese Skirmisch- und MP-Demo war nicht so wirklich überzeugend und hat für viele lange Gesichter gesorgt. Auch bei mir.

Das Spiel ist inzwischen erschienen und hat zwiespältige Eindrücke hinterlassen. Zwar wird überall lobend erwähnt, dass das Spiel dafür, dass es von einem deutschen Entwickler kommt, ziemlich gut sei, aber die Ähnlichkeiten zu Company of Heroes seien so groß, dass sich der Titel einem Vergleich mit diesem Genre-Standard nicht entziehen und dabei nur verlieren kann. Denn trotz aller Stärken, die Iron Harvest unzweifelhaft hat, so scheint in vielen spielerischen Belangen sogar der inzwischen 15 Jahre (!) alte erste Teil Iron Harvest überlegen zu sein.

Am vergangenen Wochenende gab es die Möglichkeit das gesamte Spiel, also auch die SP-Kampagne, während einer Free-Weekend-Aktion auf Steam anzuschauen. Weil mich vor allem das Setting immer noch anmacht und, bitte nicht mißverstehen, Iron Harvest kein schlechtes Spiel zu sein scheint, sondern offenbar nur nicht so gut wie CoH ist … ja, warum nicht?

Rein technisch läuft auf meinem Rechner alles sauber ab, nur ist (mal wieder) eine SSD zu empfehlen. Meine Spiele installiere ich hier immer noch auf einer herkömmlichen Festplatte. Zu Beginn einer Cutscene (die allesamt „in game“ dargestellt werden), kommt es zu Tonaussetzern und heftigen Ruckeleien, bis alle nötigen Daten geladen wurden. Auch während einer Mission kann es manchmal zu kurzem Gestotter kommen, meist zu Beginn der Mission. Aber wenn alles geladen wurde, gibt es technisch nix mehr zu meckern.

Ich habe jetzt drei Missionen der polanischen Kampagne gespielt und bin angenehm unterhalten worden. Vor allem der Tutorial-Beginn mit der Schneeballschlacht ist eine angenehme Abwechslung vom in diesem Genre sonst üblichen, mehr als nur einschläfernden Truppenübungsplatz-Drill Sergeant-Gedöns, wo nur meine seligen Bundeswehr-Reflexe getriggert werden und ich am liebsten das Gegenteil von dem machen möchte, was man mir „befiehlt“.

Manche Tutorial-Hinweise erscheinen aber etwas irreführend. Vor allem der Hinweis, dass man gegnerische Mechs von hinten angreifen soll, lässt meine heldenhaften Truppen beim Versuch hinter den Mech zu kommen, schneller sterben als wohl so angedacht. Die eine Einheit wird beim Versuch den Mech abzulenken, derbe geröstet, während die andere Einheit, die den Mech von hinten angreifen soll, elendig krepiert, weil die Mech-AI sich dann doch nicht um Ablenkungen kümmert. Irgendwann lasse ich diese fruchtlosen Positionierungsversuche sein und greife einfach mit allen Einheiten frontal an. Zu meiner großen Überraschung wird der Mech schnell zerstört, weil er ständig Treffer in die schwache Rückenpanzerung bekommt, obwohl meine Einheiten VON VORNE angreifen. Beobachtet auf Schwierigkeitsgrad „Normal“. Ich verstehe das Spiel offenbar noch nicht so ganz, aber das Spiel versteht wohl, was ich erreichen will und kommt mir gnädigerweise entgegen. Wie auch immer …

Positionierung ist aber auf jeden Fall äusserst wichtig beim Kampf von Infanterie gegen andere Infanterie. Hat man hier die falsche Deckung oder den falschen Angriffsvektor gewählt, ist der auf die Rückzugstaste knallende Finger oft der einzige Weg einem vorzeitigen Missionsende zu entkommen. Hier funktioniert Positionierung und folgt logischen, klar erkennbaren Mechanismen. Man erkennt den eigenen Fehler, bereits während er passiert und lernt sofort daraus.

Wie gesagt, bis jetzt ist das alles ganz ordentlich. Nicht perfekt, CoH ist spielerisch und vor allem in Sachen Animationsqualität immer noch klar besser, aber dafür, dass King Arts nicht über das Budget eines handelsüblichen Relic-Titels verfügen … mein innerer Schwabe sagt: Gar nicht so übel. Kann man spielen!

Was mich aber so wirklich (angenehm) aus den Socken haut und eigentlich auch der Anlaß für diesen Beitrag ist … das ist eigentlich keine wirklich große Sache. Ein kleines Detail nur. Aber mit für mich großer Wirkung. Es gibt ein Feature in den Gameplay-Settings (nicht in den Audio-Settings, falls jemand suchen möchte), welches da lautet:

Muttersprachen-Modus

Und was macht dieses Feature, wenn man es aktiviert?

Der Dialog jeder Einheit während einer Mission und jedes Charakters in einer Cutscene wird in der jeweiligen Muttersprache wiedergegeben. Polnisch, russisch, deutsch, gemäß den Fraktionen Polania, Rusvjet und Saxony aus diesem alternativen Weltenentwurf. Mit auf Wunsch jeweils Untertiteln.

Ja, und? Ist das jetzt was neues? Und auf Untertitel habe ich keinen Bock!

Nun, dass sich Einheiten in der jeweiligen Landessprache melden, kennt man schon aus CoH und anderen RTS-Spielen. Aber dass man auch in den Cutscenes die jeweilige „Originalsprache“ hören kann, ohne immer das komplette (!) Spiel auf jeweils immer nur eine (!) Sprache umschalten zu müssen (inklusive Neustart), trägt gerade bei einer SP-Kampagne, wo es viele Charaktere aus vielen verschiedenen Nationen gibt, enorm viel zur Atmosphäre bei.

Deswegen ist auch die US-Version der Wolfenstein-Spiele von Machine Games der deutschen Version vorzuziehen. Denn hier sprechen die Nazis nicht nur Deutsch und die Allierten Englisch und Polnisch und Französisch. Nein, hier sprechen die Deutschen sogar verschiedene Dialekte! Während in der deutschen Version einfach über alles (!) der typische, in der Regel sehr uninspiriert klingende Hochdeutschbrei der üblichen Berliner Synchronstudios gelegt wurde.

But przeklęty, native Sprache matters! Блять nochmal!

Wobei ich es natürlich nicht für sinnvoll halte, dies jetzt überall ums Verrecken durchdrücken zu wollen. Es sollte schon passen UND es sollte selbstverständlich alles optional sein. On/Off! Je nach persönlicher Präferenz.

Doch selbst wenn es nicht unbedingt immer passt, so können aber sehr, erm, interessante Spielerfahrungen entstehen, wenn man sich auf eine Sprache einlässt, die man selbst so gar nicht kennt.

So kann man das im 2006 erschienene Glory of the Roman Empire wahlweise komplett auf Lateinisch spielen. UI-Beschriftung, Sprachausgabe, für alles muss man wieder das Kleine Latinum aus dem Gedächtnis kramen, so es sich jemals dort befunden hat. Ich selbst kenne nur ein paar Brocken aus den Asterix-Comics, die mir damals natürlich kein Stück weitergeholfen haben. Glücklich ist der, der die Position der jeweiligen Optionsumschaltung in den Menüs memoriert hat. Ansonsten ist der Griff zum leicht angestaubten Pons-Lexikon unvermeidlich. Was heisst nochmal schnell „Sprachoptionen“ auf Lateinisch?

Ich bin auf jeden Fall für mehr Sprachdiversität in Spielen. Wo es passt. Und stets und immer optional. Denn wie sagte schon Preussenkönig Friedrich the Second so schön: Chacun doit être béni selon sa conception!

Oder so ähnlich. Mein Französisch ist fast noch eingerosteter als mein Latein!

2 Kommentare zu „Der Muttersprachen-Modus

  1. Ja, die Demo von Iron Harvest hab ich auch probiert. So richtig hat es mich auch nicht gepackt. Ich schätze, RTS-Spiele sind mir zu hektisch geworden und verlangen nach zu viel Micromanagment.
    Was die Sprachoption betrifft: Die hab ich nicht ausprobiert.

  2. Verschiedene Sprachen tragen zeifellos sehr zur Atmosphäre bei, im richtigen Setting, – und manchmal sogar Dialekte. Schön, dass sie es hier so gut eingebaut haben. : )

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