Ruinierte Immersion

Eines der oft benutzten Schlagworte im Videospiel-Marketing ist IMMERSION! Hat jeder von uns oft genug gehört, um entweder selektiv taub zu werden oder in einer Übersprungshandlung den nächstbesten zertrümmerbaren Gegenstand zu zertrümmern. Weil man dieses Gefasel einfach nicht mehr hören kann.

Dabei kann das Wort gar nichts dafür bis zum Erbrechen benutzt zu werden. Immersion ist bei Videospielen nämlich nicht ganz unwichtig. Das Eintauchen und Abtauchen in eine virtuelle Umgebung ist wichtiger Teil dessen, was wir „Spielspaß“ nennen. Manche Spiele beziehen ihren Spielspaß fast nur aus der Einbindung des Spielers in die virtuelle Umgebung des Spieles, wie z.B. viele der sog. Wandersimulatoren, wo es im Grunde keine Spielmechaniken gibt und Immersion alles ist, um den Spieler bei der Stange zu halten. Spunkgargleweewee-Shooter funktionieren nur über die Immersion, weil die spielerischen Elemente so stark reduziert werden MÜSSEN, damit die Illusion, sich mitten in einem Action-Film zu befinden, auch funktioniert. Weniger extreme Formen nimmt dies bei Titeln ein, wo eine altbekannte und bereits millionenfach durchgenudelte Spielmechanik durch entsprechende Immersion in die Spielwelt aufgewertet/aufgefrischt werden soll. Wie zum Beispiel Ballerspiele aka Shmups mit knuddligen Anime-Mädchen auf Hexenbesen, anstatt mit kraftstrotzenden Raumschiffen.

Oder man stelle sich ein Starcraft ohne sein Setting mit Raynor, Kerrigan und schleimigen Zergs vor. Wäre das dann immer noch ein erstklassiges RTS, mit dem man Stunde um Stunde verbringen möchte?

Nope! Wäre es faszinierenderweise nicht, kein Stück! Wobei ich hier bewusst etwas übertreibe, sooo schlecht wäre Starcraft ohne das bekannte Setting nämlich gar nicht, weil Blizzard sogar Scheisse so lange polieren kann, bis sie glänzt. But to prove my point …

Immersion ist wichtig. Immersion kann aus akzeptablen Spielen ziemlich gute Spiele machen und aus ziemlich guten Spielen erstklassige Genre-Vertreter. Und selbstverständlich funktioniert das auch umgekehrt.

Da gibt es Spiele, die in Sachen Art und Sound Design alles richtig machen. Die Spielmechaniken sind sauber ausgearbeitet, das Setting ist gut gewählt und seine Präsentation ohne Fehl und Tadel. Und dennoch beiße ich große Stücke aus der Tischkante, weil mich eine bestimmte Sache so sehr stört, dass es mich immer wieder ganz gewaltig aus dieser Immersion reisst.

Nehmen wir Ruiner.

Ruiner ist nicht nur gut gemacht, es ist ganz exzellent gemacht. Art und Sound Design sind von hoher Qualität. Die Spielewelt erwacht zu einer überzeugenden Pseudowirklichkeit, in die man gerne abtaucht. Und dennoch stoße ich schnell an die Grenzen dieser Immersion und stehe, bzw. sitze wieder ernüchtert in meiner eigenen Wohnung. Hrmpf!

Bei Ruiner steuere ich die Spielfigur über eine isometrische Ansicht in acht Richtungen. Keine Tank Controls mit Bezug auf die räumliche Orientierung des Spielercharakters, sondern eine Kamera-zentrierte Steuerung, wo z.B. die W-Taste immer eine Bewegung nach Oben bedeutet.

Ist fetzig, nicht wahr? Ja, ist auch fetzig. Spielt sich fetzig. Sieht phantastisch aus. Hat einen genialen Soundtrack. Und sogar ein eingebautes Cheat-Menü. Entspanntes Zocken für alte Säcke, die sich nichts mehr beweisen müssen. Ich mag dieses Spiel.

Ich habe jedoch ein ganz gewaltiges Problem mit der Art und Weise, wie sich die Spielerfigur in Relation zum Boden bewegt. In erster Linie, wenn man sich dreht und dann rückwärts oder seitwärts im Krebsgang durch die Map strafend. Was man oft tun muss. Das wirkt zumindest auf mich so dermaßen … URGH!!!!! … unwirklich übel, dass ich anfänglich viel Mühe hatte mehr als nur ein paar Minuten zu spielen. All der Aufwand in Sachen Art Design, UI Design, Sound und Animation und das Spiel wirkt, als ob der Spieler aus dem Off mit der Hand nach der Spielfigur greift und sie wie früher im Sandkasten mit der Grobmotorik eines kleinen Kindes durch die Gegend schiebt.

Immersion?

*puff*

Hrmpf!

Ich rolle mit den Augen, stehe auf, mach mir einen Tee, schalte das interne Cheat-Menü ein und ballere weiter.

Es gibt Spiele, denen verzeiht man gerne vieles. Sogar implodierende Immersion.

Ich mag Ruiner trotzdem. Die ca. sieben Euro für Spiel und Soundtrack im GOG-Summer Sale waren gut angelegt. Das Spiel fetzt, der Soundtrack fetzt noch mehr … und über die Krebsgang-Animationen der Spielfigur kann ich inzwischen so gelassen hinwegsehen, dass ich mich dabei ertappe das interne Cheat-Menü nicht mehr zu benutzen und beim gewaltig auffe Fresse kriegen überraschend viel Spaß zu haben.

Gut, irgendwann schalte ich doch wieder den God-Mode ein, weil ich ja weiterkommen möchte, aber eine Weile „ernsthaft“ versuchen zu überleben … das bassd.

Für alle Action-Freunde: Eine klare Empfehlung!

Ein Kommentar zu „Ruinierte Immersion

  1. Auf GOG kostet es schon wieder Vollpreis, aber auf Steam gibt es das gute Stück aktuell für gerade mal 3,99€. Direkt mal in den Warenkorb gepackt und anschauen. Danke für den Tipp!

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