Aus den Untiefen: Braid

Wenn man mehr Spiele-Sammler als Spiele-Spieler ist, lässt es sich nicht vermeiden, dass die im Laufe der Jahrzehnte kräftig angewachsene Bibliothek Titel enthält, die man nie oder kaum gespielt hat. Dank der unerbittlichen Statistik-Funktion dieser komischen, neumodischen Download-Plattformen bekommt man auch aufzeigt, mit welchen Spielen man sein Leben vergeudet hat und was über Jahre hinweg unangetastet in den Tiefen der Datenbank schlummert.

Steam, wie auch andere Frontends wie GOG Galaxy oder Playnite, bieten inzwischen mannigfaltige Filtermöglichkeiten für so Irre wie mich an, um Ordnung in das Chaos unserer Sammlungen zu bringen.

Filter wie z.B. Noch nie gestartet.

Oder Zum letzten Mal gestartet.

Was? 2009? *gulp*

Enorm nützliche, aber mitunter etwas verstörende Filter.

Denn was hier dann auftaucht, lässt mich manchmal etwas ratlos zurück. Das habe ich damals tatsächlich gekauft? Oder ist es als Teil eines Bundles reingerutscht? Oder war es mal Freeware und ich habe einfach geklickt, nur um diesen Titel nach dem Klick gleich wieder zu vergessen? Oder man hat mir dazu mal einen Key geschenkt? Warum existiert dieser Eintrag? WARUM? ICH MUSS ES WISSEN!!! *argghll* * am zellengitter rüttel*

Wie auch immer, die Pfleger haben mich wieder ruhiggestellt und ich möchte die Gelegenheit nutzen, um Euch ein wenig über Titel aus meiner Bibliothek zu erzählen, die aus dem einen oder anderen Grund un- oder kaum gespielt blieben.

Als Braid vor zwölf Jahren erschien, hat man unter dem Begriff „Videospiel“ weitestgehend das verstanden, was die großen Publisher das Jahr über an AAA-Produkten auf den Markt geworfen hatten. Große, teure Produktionen, die sich zig Millionen mal verkaufen mussten und dies auch oft genug getan haben. Call of Duty, FIFA, Final Fantasy, Zelda. Das waren Videospiele. Der ganze Rest, den es rechts und links des Mainstreams in den Nischen gab, der wurde von vielen Spielern und der nicht-spielenden Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen, der hat nicht existiert.

Dann war aber die Zeit reif für das, was man so nonchalant als Indie-Spiel bezeichnet. Kleine, ungewöhnliche Spiele weit abseits des Mainstream-Geschmacks. Die normalerweise unbeachtet in den Nischen verschwinden würden, in denen sie entstanden waren, wenn nicht so mancher Major erkannt hätte, dass man das Potential der Nische erschließen muss, um die großen Mainstream-Franchises entweder frisch halten zu können oder sie gleichwertig ersetzen zu können, falls der Mainstream irgendwann keine Lust mehr auf ein bestimmtes Franchise hat.

Da gab es zum Beispiel XBOX Live Arcade von Microsoft, wo Besitzer einer 360 ausgesuchte, kleine Nischentitel kaufen konnten, die normalerweise nicht einmal den Hauch einer Chance hätten auf dem herkömmlichen Retailmarkt überhaupt veröffentlicht zu werden.

Einer dieser Titel war Braid.

Kritiker waren hin und weg. Spieler waren hin und weg. Wellen der Begeisterung schlugen durch das Internet, dabei neue Wellen auslösend, bis so ziemlich jeder von Braid gehört hatte, der sich auch nur ansatzweise für Videospiele interessiert. Yours truly war bez. Braid kein Early Adopter, war einer dieser Spätzünder. Erst ein Humble Bundle versetze mich in die Lage in dieses angebliche Wunderwerk von Spiel zu schauen und mir einen eigenen Eindruck davon zu machen.

Nun, was soll ich sagen … das hatte schon was. Ein zum Leben erwecktes Aquarell, wunderbare Musik und ein interessant erscheinendes Gameplay.

Hach …

Ja, der Hype schien gerechtfertigt.

Laut Steam habe ich aber insgesamt nur 31 Minuten mit dem Spiel verbracht. Nehmen wir dazu noch geschätzte 30 DRM-freie Minuten aus der Humble Bundle-Version und ich komme auf gerade mal ne Stunde Spielzeit. Eine Stunde, die in erster Linie aus etlichen Anläufen bestand diese seltsame Gameplay-Mechanik zu verstehen. Denn in Braid konnte man die Zeit zurücklaufen lassen und Sprungfehler korrigieren oder knifflige Trick-Jump-Passagen erst bewältigbar zu machen. Auf einer rein intellektuellen Ebene habe ich verstanden, was ich hier tun soll. Auf einer praktischen Ebene habe ich aber vollständig versagt.

Denn schnell komme ich an eine Stelle, wo man genau diese Fähigkeit einsetzen muss. Ich habe irgendwann Videos dazu angeschaut. Ich weiß, was ich theoretisch tun muss. Meine Finger konnten aber keinen Bezug zwischen den Bildern aus meinem Gedächtnis und dem Geschehen auf dem Bildschirm herstellen. Sicher, ich wusste, wie man die Spielfigur vor und zurück durch die Zeit „scrollen“ lassen kann. Ich weiß bis heute nicht, wie ich daraus einen spielerischen Nutzen ziehen soll. Keine Ahnung, welche Blockade in meinem Gehrin in diesem Moment existierte.

Zu blöde für Braid.

Ein netter T-Shirt-Slogan.

Aber ich muss nicht alles verstehen. Ich nehme es einfach hin, dass ich für bestimmte Dinge zu blöde, zu ungeschickt, zu untalentiert bin.

Und weil ich nicht mehr zwölf Jahre alt bin und das nächste Spiel nicht mehr einen viele Monate umfassenden Abgrund bis zum nächsten Weihnachten oder Geburtstag entfernt ist, sondern nur noch einen einzigen Mausklick entfernt liegt … habe ich Braid seitdem nicht mehr angerührt und werde es auch nie mehr. Abgehakt.

Und so liegt es nun in den Untiefen meiner Spielegruft und setzt immer mehr virtuellen Staub an, bis es eines Tages vollständig aus meiner Erinnerung verschwunden sein wird. Als Spiel.

Den Soundtrack höre ich mir aber immer wieder an. Ist so schön melancholisch. Hach …

12 Kommentare zu „Aus den Untiefen: Braid

  1. Haha ging mir auch so bei Braid.
    Eine generelle Tendenz, immer mehr Spiele kommen mir eher wie Arbeit vor. Arbeit die sich anfühlt als ob ich dafür Geld bekommen müsste. Anstrengend.

    Das letzte Spiel welches ich durchgesuchtet habe war im März „There Is No Game: Wrong Dimension“. Eine Reise durch die Videospiel-Universen – aufm Handy! War bequemer, hatte Rücken 😀

  2. @ Jump and Runs

    Falls jemand einen Tipp zu einem kinderleichten(!) jump and Run auf GoG hat, würde ich das in Betracht ziehen.
    Aber und an, hab ich nämlich so einen Nostalgieflash, weil wir als Kinder natürlich Supermario gesuchtet haben.

    Aber das war mir damals zu schwer und wäre es heute auch noch. Genau genommen habe ich vor zwei Dekaden oder so, mal den ersten Teil ausprobiert und ich bin nicht mehr über die erste breitere Schlucht gekommen.
    Ich wusste noch, dass man irgendwie weiter springen konnte, aber nicht mehr wie. Und nach fünf Minuten hatte ich dann keine Lust mehr es rauszufinden. Das ist also mein Skilllevel. ^^“
    Über Braid brauch ich also nichtmal nachdenken, auch wenns recht hübsch aussieht!

    @Statistiken

    Die letzte Statistik, die ich mir gegeben habe (da ich ja keinen Klient benutze) war der Spielzeitbefehl in Wow, als dieser neu war. Das war schon ähm, beeindruckend irritierend. „: )

    trotzdem kann ich es ein wenig nachvollziehen, weil ich bei GoG auch Zeug rumfliegen habe, das mal verschenkt wurde und dessen Besitz mich immer mal wieder irritiert. Ich müsste glatt mal schaun, ob man da was gezielt ausblenden kann.
    Aber meine zwei bis drei Dutzend Titel sind vermutlich sehr überschaubar im Vergleich zu allem, was sich bei Euch so anstaut. : D

  3. Zu leichten Plattformern auf GOG fallen mir als erstes die Apogee-Klassiker „Cosmos Cosmic Adventures“ oder „Hocus Pocus“ ein. Ersteres kann zwar knifflig werden, wenn man alles (!) abräumen will, aber viele schwer zu erreichende Goodies sind optional. „Monster Bash“ ist zwar erstklassig, aber nicht immer einfach und „Bio Menace“ mutiert schnell in eine fiese Sache für Masochisten. Nicht ganz charmant wie Cosmo, aber auch nicht besonders anspruchsvoll ist „Duke Nukem 1“. An neueren Titeln wären die Rayman-Spiele zu erwähnen. Und natürlich die beiden Ori-Titel.

    Ansonsten: https://www.slant.co/topics/6346/~platformers-on-steam#21

    Hier eine gute Übersicht mit Pros & Cons für ziemlich viele Plattformer auf Steam. Einiges auf der Liste gibt es auch auf GOG.

  4. Ich finde den Ausdruck „Pile of shame“ irgendwie falsch. Ich weiß, es ist natürlich nicht 100%ig ernst gemeint aber ich will Computerspiele gar nicht mit „Arbeit“ oder Zwang assoziieren, also etwas, dass ich tun MUSS um irgendeine Bestätigung oder Befriedigung zu erhalten.

    Ich habe gerade nachgesehen, ich habe 1184 Spiele in diversen Accounts (GOG, Steam, etc.). Die meisten habe ich nie gespielt. Vielleicht spiele ich sie irgendwann wenn ich Bock drauf habe, vielleicht auch nicht. Ich kaufe Spiele inzwischen eh nur noch in Bundles und da ist vieles dabei, was mich im Moment gar nicht interessiert. Ich sehe das nicht als Pile of shame sondern eher so wie damals (TM) als man Schallplatten und CD Sammlungen hatte von allem Möglichen. Man hat seine Lieblingsmusik und -genre, aber eben auch Kram den man kaum oder gar nicht gehört hat. Da sah ich mich auch nicht gezwungen alles anzuhören, nur weil man es besaß.
    Und genau wie damals spiele ich heute immer noch gerne die Klassiker. Alten Kram, obwohl man den neuen Scheiß schon hat. Manchmal ist auch der neue Scheiß gut und man spielt den für eine Weile, bis man den alten Kram wieder rausholt.
    Gibt halt immer noch keinen Nachfolger für JA2, 7.62 Hard Life, Door Kickers, SWAT 4, etc. Hindert einen aber auch nicht dran nochmal zu spielen, obwohl man tausend andere Spiele in irgendeinem Account hat. Weil am Ende zählt doch nur ob man Spaß und ´ne gute Zeit hat, oder nicht.

  5. Danke. Hocus Pocus oder Cosmos, werd ich mal ausprobieren, wenns im Sale ist. ^^

    Rayman ist mir leider furchtbar unsympathisch. Keine Ahnung, warum genau. „: D

  6. @Rollenprinz
    Richtig. Man darf das nicht als Druck auffassen irgendwas spielen ZU MÜSSEN. Man muss gar nichts und wenn man sich letzten Monat neue Spiele gegönnt hat, heisst das ja noch lange nicht, dass man diese jetzt spielen MUSS. Manche zockt man gleich, manche aus Gründen X, Y und Z erst später. Es wird ja nichts schlecht, ist ja alles digital.

    Sicher, blöd ist es, wenn man zu lange wartet und das damals gekaufte Spiel auf dem inzwischen verfügbaren, neuen Betriebssystem so ohne Weiteres nicht mehr läuft. Da wird sich irgendwann eine Lösung finden und wenn nicht, geht die Welt davon auch nicht unter.

    Und ja, ich sehe auch keinen Unterschied zwischen der umfangreichen Schallplatten- oder Büchersammlung, die man früher hatte und einer heutigen Spiele-Bibliothek mit einigen hundert Titeln und mehr. Man ist Sammler, kein Hoarder, der tatsächlich Hilfe benötigt.

    @Finrod
    Du, das mit Rayman, das geht mir genauso 🙂 *shudder*

    Ansonsten wurde noch „Celeste“ empfohlen. Das wirkt auf den ersten Blick zwar sehr widersprüchlich, weil das ein BOCKELHARTER Plattformer ist, aber weil der Spieler beim Scheitern nicht bestraft wird, sondern trotz Scheitern gut im Spielfluss bleiben kann, soll er „Besser werden“ in der Tat belohnen, ohne dabei zu frustrieren.

    Ich habs selbst noch nicht ausprobiert, nur davon gelesen.

  7. Celeste ist ziemlich gut, es ist aber wirklich nicht ohne und wird durchaus recht schwer. Es gibt jedoch einen Assist Mode der genau dort ansetzt. Ich habe ihn selbst nicht aufprobiert, weil ich einfach irgendwann aufgegeben habe (die Geduld nimmt im Alter irgendwie ab), aber vielleicht hilft das ja: https://www.youtube.com/watch?v=NInNVEHj_G4

    Was mir recht gut gefallen hat und auch eher unerwartet kam (ich glaub ich hab es auf der Switch spontan mal in einem Sale mitgenommen) ist Iconoclasts. Ein recht gut gemachter Plattformer mit Metroidvaniaelementen:
    https://store.steampowered.com/app/393520/Iconoclasts/
    https://www.gog.com/game/iconoclasts

  8. @Finrod:
    Schau Dir unbedingt mal ‚Monster Boy‘ an, welches ein. nun ja, Sequel (?) zur bekannten Wonder Boy-Saga ist. Was die französischen Entwickler von Game Atelier hier als Prototyp gezaubert hatten war so überzeugend, dass die originalen japanischen Wonder-Boy-Entwickler mitgemacht haben, inkl. (!) der Kultkomponisten vom Schlage eines Yuzo Koshiro und Motoi Sakuraba. Diese europäisch-japanische Co-Produktion ist nicht nur eine „irgendwie gelungene Hommage“, sondern „hebt auf neues Level“ geworden.

    Erhältlich auf GOG:
    https://www.gog.com/game/monster_boy_and_the_cursed_kingdom

    und auf Steam (hier mit kostenloser Demo und aktuell im Angebot für knapp 12 Öcken):
    https://www.gog.com/game/monster_boy_and_the_cursed_kingdom

    *Aloha2 Seal of Approval*

    😀

  9. @Harz
    Nur nicht zu doll bestraft zu werden, hilft bei meinem Skilllevel vermutlich wenig. ; )

    @Marcus und Aloah
    Danke Euch. Monster-Boy sieht sogar nett aus. Aber bei beiden Spielen lese ich etwas von frustrierenden „Puzzles“. Das ist mein Kryptonit. ^^“

    @Völlig OffTopic
    Wenn jemand Brettspieladaptionen mag: Ich hab mich gerade an Throug the Ages festgefressen (wäre evtl. auch was für Harz, als Paradox-lite ^^), das ist tatsächlich recht kurzweilig.
    Bei soetwas macht es mir dann auch Spaß mich die Schwierigkeitsgrade nach oben zu knabbern. Habe drei Versuche gebraucht um drei KI-Gegner auf „Mittel“ zu besiegen und das war schon knapp. : D

    Damit kann ich ein wenig puffern, dass seit Ewigkeiten zu wenig Zeit ist um mit meinen Freunden so langen Kram analog zu spielen. ^^“
    Gibt sogar HotSeat – evtl. beschwatz ich mal wen. *gg

  10. Hm, es ist schon eine Weile her, dass ich Iconoclasts gezockt habe. Ich könnte also nicht mehr sagen, wie es da mit dem Puzzlegehalt war, aber ja, ich meine die gab es. Ob sie schwer waren, puh, schwer zu sagen.

    Ein ganz andere Spiel, dass ich ziemlich gut fand, war Yoku’s Island Express:
    https://store.steampowered.com/app/334940/Yokus_Island_Express/
    https://www.gog.com/game/yokus_island_express

    Das ist eine erstaunlich gut funktionierende Mischung aus einem Metroidvania und Pinball. Wer mal was andere zocken möchte, kann da durchaus mal einen Blick wagen. Auf Steam gibt es auch eine Demo.

    Mit Brettspielen, also den digitalen, tue ich mich echt schwer. Hab das immer wieder versucht, aber am Ende lief es darauf hinaus, dass mir das soziale der Brettspiele fehlt und ich auch einfach ein „echtes“ Videospiel spielen kann. Leider staubt die Sammlung aktuell, wegen Corona und so, ganz gut ein. Ist schade, aber kann man alles noch spielen, wenn dann die Welt zusammengebrochen ist und es keinen Strom mehr gibt. Ist dann vielleicht auch ne gute Tauschware 😀

  11. Zu blöd für Braid. Ja, ich auch.
    Was wollte ich noch schreiben…
    Ich empfehle Door Kickers 2. Einfach so. Weil ihr alle noch nicht genug Spiele habt. : D

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