Risikoabschätzung: Dread Templar

Wisst ihr noch? Als man ein Spiel wie Singularity dafür feierte, dass es KEINEN Autoheal, sondern Healthpacks hatte, die man manuell aufsammeln und per Tastendruck einsetzen musste? Als ein Titel wie Wolfenstein: The New World Order allen Ernstes als Old Schoold-Shooter bezeichnet wurde? Weil der 90er-Jahre-Shooter als ausgestorben galt, weil jeder nur noch Call of Doody und Halo spielte und die Doom-Modding-Szene die einzige, kleine Oase in der ganzen weiten Welt der Videospiele für Leute mit seltsamen Geschmäckern darstellte?

Wisst ihr noch? Damals™? Vor fünf, sechs Jahren?

Seit zwei Jahren ist Schluss mit diesem wehleidigen Gejammer. Denn das Pendel der Geschichte schwingt mal wieder in die andere Richtung und jetzt jammern die Military-Shooter-Fans ganz große Tränen über den Umstand, dass es ja gar nix mehr Gescheites gibt und sogar Call of Duty nur noch auf Battle Royale und Zombies setzt. Weil es im AAA-Bereich halt nur noch ein, zwei Titel im Jahr gibt, die entweder CoD-MP oder Battlefield heißen und wo man sich mit der letzten Kraft der Verzweiflung in die klägliche Entschuldigung für eine SP-Kampagne in den Battlefield-Spielen stürzt, denn man hat ja nichts anderes. Ja, tough luck, meine Herren!

Auf der anderen Seiten werden wir alten Säcke aber mit einer derartigen Vielzahl neuer Retro-Shooter-Projekte überschüttet, dass die Retro-Shooter-Welle droht am eigenen Mittelmaß zu ersticken, noch ehe sie richtig begonnen hat.

Ich persönlich warte z.B. auf:

  • Project Warlock 2
  • Hedon 2
  • Graven
  • Prodeus
  • Wrath: Aeon of Gedöns
  • Ion Fury-Addon
  • Gloomhaven
  • Amid Evil-Addon
  • The Age of Hell
  • Nightmare Reapers
  • HROT

Die meisten sind bereits als Early Access spielbar und verströmen trotz unvollständigen Inhalten, Feature-Wankelmütigkeit und diversen groben Ecken und Kanten das Potential für viel Spielspaß.

Seit kurzem neu dazugekommen ist Dread Templar (auch via Steam).

Das wirkt auf den ersten Blick sehr quakeig, erinnert auch in Sachen Gameplay und Art Design sehr stark an Wrath: Aeon of Ruin, ist aber ein Unity-Spiel von T13.

Das Gameplay ist solide Ballerkunst, schnell, unkompliziert, schnörkellos, aber nicht unpfiffig. Es kann durch die Luft gedasht werden, um Abgründe zu überwinden oder Gegnern ausweichen. Man sammelt Artefakte und kann mit ihnen diverse Charakterfähigkeiten ausbauen/erweitern, kann, bzw. muss diese idealerweise komplementär zum gewählten Spielstil verteilen, denn Freischaltpunkte für neue Upgrade-Plätze sind begrenzt. Es gibt Bullet Time als sammelbare Ressource, gespeichert wird über Save Points, die im Level verteilt sind.

Die Early-Access-Version umfasst ca. 10 Level, etwa ein Drittel des geplanten Umfanges, und bietet viel Spielspaß mit fiesen Monstern und anschließend viel rotem Pixelblut. Das macht alles ziemlich viel Laune, das Spiel wirkt sehr rund und spielerisch nahezu fertig.

Wer hinter dem Entwickler steckt, habe ich nicht herausfinden können, aber die fortgeschrittene Poliertheit des Spieles ist dem Umstand zu verdanken, dass der Titel seit bereits letztem Jahr als Hell Hunt auf itch.io existiert. Dread Templar ist gewissermaßen die kommerzielle Fertigstellung dieses Hobby(?)-Projekts.

Ich habe wirklich viel Spaß, wünsche mir aber für das fertige Spiel zumindest einen Quicksave-Slot. Denn ab und an gibt es Stellen, die alles andere als Spaß machen. Wie z.B. hier:

Plattform-Sequenzen, wie oben, die gerade in Kombination mit der Dash-Taste ein wenig Übung erfordern. Nicht nur, dass pixelgenau abgesprungen werden muss, der Air-Dash muss auch mit einer sich bewegenden Plattform getimed werden, unter der sich natürlich spitze Spitzen befinden. Frei nach dem Motto „WER ZUR HÖLLE BAUT SOWAS!!!“ stirbt man sich durch mehrere Versuche, bis man wieder lebend da steht, wo man vor vielen, langen Minuten aufgebrochen ist. Denn der nächste Savepoint befindet sich HINTER der Tür, die man hier öffnen muss, so dass man bei einem Absturz zum automatisch erstellten Autosave beim Levelstart zurückgeworfen wird und erneut zwei, drei Dutzend Gegner erledigen darf, bis man einen erneuten Fehltritt absolviert, um wieder alles von vorne tun zu dürfen.

Ich weiß nicht, wie die Gehirne derer funktionieren, die das als Eu-Stress empfinden und nach erfolgreicher Bewältigung triumphierend die Faust gen Zimmerdecke strecken. Ich empfinde hier öde, ätzende Langeweile und rolle maximal entnervt mit den Augen, wenn ich den Abschnitt endlich hinter mich bringe. Plattforming in Shootern … bähhh! Liebe Leute oder Herr oder Dame Einzelkämpfer von t13. Bitte einen Quicksave-Slot oder Cheat-Codes, damit man sich an solchen Stellen einfach durchclippen kann. Ich bin nicht mehr 12 Jahre alt. Danke.

Ansonsten … ja, hat was. Gute Sache das. Ist für Freunde gepflegten Ballerns bereits jetzt schon zu empfehlen, weil es viel zu Spielen und fast keine Bugs gibt. Das Ding ist ziemlich rund. Wer noch warten will, irgendwann nächstes Jahr soll alles fertig sein.

Und wem dieses Grim-Dark-Blood-Gedöns inzwischen auf den Sack geht, weil man als Erwachsener nicht ständig wie ein pubertierender Teenager behandelt werden möchte …

FASHION POLICE SQUAD

Good times …

6 Kommentare zu „Risikoabschätzung: Dread Templar

  1. *lechz*
    Ich hab letztens erstmals Doom durchgespielt (mit Brutal Mod) und arbeite mich gerade durch Blood. Nebenbei hab ich mir einige der im Realms Deep 2021 Festival angepriesenen Demos angesehen und kann behaupten: Deine Liste ist zu kurz.

    Da fehlt auf jeden Fall CULTIC
    Die Demo ist weiterhin verfügbar. Ich empfehle allerdings, den Farbfilter in den Optionen auszuschalten. Die Augenwurst der Grundeinstellung hat zwar durchaus ihren ästhetischen Reiz, aber ohne spielt sich das doch deutlich besser, da sich Gegner stärker vom Hintergrund abheben.

  2. Oh, danke! Bei all der Masse an Titeln, die hier vorgestellt wurden, habe ich mit Sicherheit noch mehr übersehen.

    Und Glückwünsche, willkommen im Doom-Club, so wie ein herzliches Maranax Infirmux! 🙂
    Blood ist auch heute noch ein so dermaßen unterschätzter Shooter. Ich hoffe, Du wirst auch hier Deine Freude daran haben.

  3. Die Demo fetzt, kommt auf die Liste. Und ja ohne Farbfilter sieht das besser aus 🙂

    Aber hier sogar nur „unsichtbare“ Checkpoints. Eben in den Höhlen recht weit zurückgeworfen worden. Warten wir mal das finale Release ab, bei Dusk hat sich während der Early Access-Phase ja auch so einiges getan, inklusive manuelle Saves.

    Rein technisch scheint von all diesen kommenden Titeln Project Warlock 2 das fortgeschrittenste zu sein. Nicht nur drei verschiedene Save-Systeme für jeden Geschmack, auch ein detailliertes Automapping, weil die Maps größer, vertikaler und komplexer geworden sind. Jakub hängt sich hier wirklich rein! Bin gespannt.

  4. Ich mochte Project Warlock nicht besonders, ebenso wie Hedon, leider.

    Freut mich aber sehr, dass dir Cultic gefällt.
    Fand ich von allen in letzter Zeit angespielten Newcomer am Interessantesten und ein potentiell adäquater Ersatz für Dusk, das bei mir einfach nicht so recht zünden will, obwohl ich schon im 3. Kapitel bin.

    ASKE fällt mir grad noch ein. Auch nicht auf deiner Liste – sehr, sehr Quakey. Gefühlt noch entsättigter. Cooler Soundtrack, der fast von Reznor sein könnte. Fast.

    Schade, dass Graven einen so unterdurchschnittlichen Eindruck in der ersten EA Veröffentlichung macht. Sah toll aus. Wird hoffentlich irgendwann noch.

    Bei Ion Maiden (Ha!) bin ich mir noch unsicher, ob ich mehr davon will. Fands aber super.

    Umso mehr Bock hab ich auf Nachschub für Prodeus. Das ist mal phänomenaler Bumms.

  5. Mich nervt der Begriff „Boomer Shooter“ irgendwie. Den hab‘ ich gestern kennengelernt, als das neue alte Quake in die digitalen Pappschachteln gestopft wurde. Muss jetzt eigentlich alles andere auch umbenannt werden? Boomer Rollenspiele? Boomer Platformer? Mario wird sich ’nen Ast freun‘.

  6. Boomer-Shooter ist natürlich Quatsch. Vollkommen falsche Generation 🙂
    Retro-Shooter setzt sich zum Glück allmählich durch. Das passt.

    Die Projekt Warlock 2-Demo taucht übrigens einiges. Ist jetzt nicht mehr eine Hommage an Wolfenstein-3D, mit all seinen flachen Leveln, sondern ein „vollwertiger“ Retro-Shooter. An der Rundheit/Flüssigkeit der Bewegungen muss er noch a bisserl schrauben (das ist bei CULTIC oder DT klar besser, selbe Engine übrigens) und so manche Waffensounds sind eher unterdurchschnittlich, aber er hat es geschafft die Atmosphäre und das Art Design aus dem Vorgänger beizubehalten, nur alles deutlichst vertikaler zu machen.

    Und seit gestern Abend gibt es Quake Enhanced auf Steam. Kost nur zehn Euro, Mods gibt nur via Bethesda.net, aber mit allen Original-Addons und den beiden neuen Addons von Machine Games. Das eine, welches es schon kostenlos gab und ein ganz neues. Sicher, Bethesda.net-Anbindung => huarghlll! … aber nur zehn Euro 🙂
    Braucht aber einige Patches. Fühlt sich manchmal ganz leicht anders an, präziser beim Springen, aber hakeliger beim Bewegen, ganz komisch, nicht genau definierbar. Und einige Skripte funktionieren nicht sauber. Manche Monster-Closet-Wände bleiben zu, manche Secrets können nicht geöffnet werden. Oder hier wurden Skripte abgeändert, so wie man im Start-Level jetzt alle vier Kapitel frei bespielen kann, nicht mehr nacheinander freischalten muss.

    Hey, aber nur zehn Euro. Und wer Quake schon auf Steam hat, bekommt es so. Bislang keine Info zu GOG.

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