Die Trisolaris-Trilogie

Einer der Vorteile meiner aktuellen Unlust größere Teile meiner Freizeit mit Videospielen zu verbringen, liegt NICHT am Abarbeiten meines Bücherstapels, weil dies wieder Gedanken von Pflicht und Scham in mein Bewusstsein projiziert. Davon reicht es mir bis an mein hoffentlich noch lange in der Zukunft liegendes Lebensende.

Stattdessen möchte ich lieber davon reden, dass ich eines Samstagnachmittages feststellte im Besitz einer Datei zu sein, die sich als die deutsche Übersetzung „Die Drei Sonnen“ von Liu Cixin’s 三体 entpuppte. Wie diese in meinen Besitz kam … ich weiß es nicht mehr.

Normalerweise halte ich von Büchern Abstand, die mit Lobhudeleien irgendwelcher Prominenter beworben werden sollen. Quotes von Barack Obama oder Mark Zuckerberg helfen da nicht unbedingt, im letzteren Falle ist das quasi schon eine Aufforderung sich meilenweit von einem damit verunzierten Buch fernzuhalten. Doch wie gesagt, ich weiß nicht mehr, wie die Datei in meinen Besitz kam. Gekauft habe ich sie wahrscheinlich nicht, aber woher dann … ?

Wie auch immer, ich fing aus einem Impuls heraus an zu lesen …

… konnte nicht mehr aufhören …

… musste mir, kaum war das letzte Wort gelesen, ganz hochoffiziell Teil 2, „Der Dunkle Wald“ und Teil 3, „Jenseits der Zeit“ besorgen …

… weil …

… weil das hatte einfach was!

Ich kann jetzt nachvollziehen, warum diese Bücher Awards um Awards gewonnen haben, warum Liu Cixin mit Preisen überhäuft wurde, warum Netflix die Trisolaris-Bücher im Rahmen einer Serie verfilmen möchte.

Wenn ein chinesischer SF-Autor Hard-SF schreibt, sich Tropes bedient, die man z.B. aus den Werken eines Alistair Reynolds kennt und diese mit einer Aufarbeitung von Maos monströser Kulturrevolution verbindet, unter der auch der Autor als Jugendlicher zu leiden hatte, dann entsteht daraus eine höchst anregende Mischung, die alles Lobgehudel mehr als nur verdient hat.

Man kann diese Bücher aber gerade als Westler auch ziemlich in den falschen Hals bekommen.

Nicht wenige Kritiker warfen dem Autor vor Teil einer Propagandaoffensive der KP zu sein. Denn der Westen kommt in den Büchern nicht unbedingt gut weg. Das chinesische Militär kommt dafür gut weg. Und wenn der Politoffizier seinen Kader auf mangelnden Eifer in der Bekämpfung der Aliens abklopft und wegen aufkommenden Fatalismus ob des immensen technologischen Fortschritts der Aliens, Generäle wie einfache Gefreite zur Rede stellt und sie aus der Einheit wirft … das ist, sagen wir mal, für unsere Langnasen-Lesegewohnheiten ein wenig arg ungewohnt.

Das düstere Setting, in dem es keine freundlichen Aliens gibt, jede Spezies in einem brutalen Überlebenskampf gegen andere Spezies steckt und keine Spezies es zu schaffen scheint aus diesem, das ganze Universum umspannende Rattenrennen auszubrechen, wird auch gerne als sozialdarwinistisches AynRand-Schlaraffenland missverstanden, wo sich jede „gute“ Tat hinterher dreimal rächt und nur blanker Egoismus das Überleben sichert.

Was natürlich Blödsinn ist, denn nichts an den Büchern ist Staatspropaganda. Und mit Ayn Rand hat der Autor so mal gar nichts zu tun, obwohl beide ähnliche Jugenderfahrungen gemacht haben. Die Bücher sind das Fenster in den Kopf eines Autors, der nicht nur während der Kulturrevolution aufgewachsen ist, sondern auch von einer Kultur geprägt ist, in der sich der Einzelne selbstverständlich den Zielen der Gruppe unterordnet. Das aber genau diese Dominanz des Kollektivs in der Regel zu fürchterlichen Ergebnissen führt, wenn das Kollektiv nicht die Einzelinteressen seiner Mitglieder berücksichtigt, ist der zentrale Handlungskern von Teil 1, „Die drei Sonnen“. Auch wenn das All in diesem Setting voller feindseliger Spezies stecken mag, der Mensch ist weiterhin sich selbst der größte Feind von allen.

Liu Cixin schreibt erstklassige Hard-SF, wirft mit faszinierenden Ideen nur so um sich und baut aus diesen einen faszinierenden Blick in eine uns unbekannte Vergangenheit UND Gegenwart Chinas und dann die ferne, ferne Zukunft dessen, was vielleicht eines Tages aus der Menschheit werden könnte.

Ich kann diese drei Bücher allen Freunden von Hard-SF nur empfehlen. Mich erinnerten sie an klassischen Gigantismus der Werke von E.E. Doc Smith oder John W. Campell, gepaart mit neuesten physikalischen Erkenntnissen. Cixin kleckert nicht, Cixin klotzt. Alles ist groß und global und immens. An nicht nur einer Stelle war ich wieder der kleine Bengel, der Scheers „Robot-Patrouille“ liest, nicht viel versteht, aber davon heiße Ohren bekommt.

Ich muss aber auch erwähnen, dass Liu Cixin in einem Interview die chin. Ein-Kind-Politik verteidigte und angesprochen auf das Schicksal der Uiguren, die Position der KP vertrat. Ob er das tat, weil er tatsächlich dieser Meinung ist oder weil er keinen Ärger mit der Regierung bekommen möchte … ich weiß es nicht. Auf seine Bücher angesprochen möchte Liu Cixin sich nicht in politischen Diskussionen ergehen. Für ihn sei das alles nur Unterhaltung, eine Flucht vor dem grauen Alltag. Mag sein.

Aber gerade letzteres ist aber eine klare Ausrede. Selbst pure Unterhaltungsliteratur, auch der reinste Eskapismus ist immer ein Kind seiner Zeit, ein Abbild dessen, was Autoren prägt und beeinflusst. 60 (!!!!!) Jahre Perry Rhodan im Wandel der Jahrzehnte haben mich dies gelehrt. Alles ist politisch. Gerade und vor allem Unterhaltungsliteratur.

Und warum mache ich hier so ein Faß deswegen auf? Gerade weil die Bücher empfehlens- und lesenswert sind, sollte man die Realität, das Umfeld in dem diese Bücher entstanden sind, nicht ausblenden. Dieses Umfeld ist wichtig, um die Bücher besser verstehen zu können. Um sie nicht kopfschüttelnd wegzulegen, nur weil sie nicht den gewohnten Denkkonventionen entsprechen.

Liu Cixin ist ein Kind der Kulturrevolution. Er ist chinesischer Staatsbürger. Seine Bücher sind ein Fenster in eine Welt, die wir hier im Langnasen-Westen nicht kennen, weil wir China nur als bedrohlichen Ameisenvolkstaat wahrnehmen. Dessen Einzelameisen dennoch davon träumen nicht ständig eine Ameise sein zu müssen … weil sie Menschen wir wir sind. Mit den selben Hoffnungen, Träumen und Erwartungen an die Zukunft.

Und wenn man die Bücher zu Ende gelesen hat, wird einem Angst und Bange, weil gerade Mark Zuckerberg daran Gefallen findet. Ich möchte daher diesen Beitrag in bester Tradition von Cato dem Älteren abschließen:

Ceterum autem censeo Facebookinem esse delendam!

4 Kommentare zu „Die Trisolaris-Trilogie

  1. Ich kann hier nur vollumfänglich zustimmen. Die Trilogie ist wirklich fantastisch.
    Mir ging es so, dass ich mich am Ende des letzen Bandes (praktisch am Ende der Zeit ;-)) irgendwie kleiner gefühlt habe, dem Universum gegenüber. Die Bücher und die enthaltenen Ideen haben mich als SciFi-Fan tatsächlich beeindruckt.

    Cixin Lius Kurzgeschcihtensammlung „Die wandernde Erde“ kann ich übrigens auch sehr empfehlen.

  2. Hhm, ich finde die Bücher auch nicht schlecht, und jedenfalls ganz anders als das meiste andere, was man so lesen kann als SF. Da trägt das chinesische Grundsetting einiges zu bei, weswegen mir auch der erste Band am besten gefallen hat. Es ist auf jeden Fall eine Trilogie der Ideen, was umgekehrt heißt, dass die Figurenzeichnung nicht so die Tiefe hat. Wird halt Kosmisches in kosmischen Zeiträumen erzählt. Das ist aber auch der Unterschied zu z.B. E.E.Smith, dessen „Gigantismus“ pure Kulisse ist, der erzählt eigentlich nur Trivialwestern, Liu spielt auch literarisch in einer völlig andern Liga.

  3. Keine Frage. Stilistisch liegen zwischen Smith und Cixin Lichtjahre. Obwohl ich bei manchen Dialogen das Gefühl nicht abschütteln konnte der schlechten (?) deutschen Syncro eines typischen Shaw Bros.-Shaolin-Gedönsfilms beizuwohnen.

  4. Urgh, ich fand Buch 1 OK bis gut, Buch 2 OK, Buch 3 Meh bis „ich schmeisse alle Bücher in den Eimer und zünde ihn an.“

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