Doch noch ein richtiges Spiel des Jahres 2021

Was passiert, wenn man der eigenen Mutter stolz davon erzählt, dass man in zum Beispiel Titan Quest mit einem Melee-Build auf dem Schwierigkeitsgrad „Legendary“ Typhon gelegt hat ohne dabei zu sterben?

Wenn man Glück hat nur ein schiefer und zugleich zutiefst enttäuschter Blick, weil das eigene Kind das Leben sinnlos an irgendwelche firlefanzigen Videospiele vergeudet, anstatt Arzt zu werden, sie endlich zur Großmutter zu machen und andere Dinge, die erhofft, aber nie geliefert wurden. In der Regel folgen diesem Blick noch ellenlange Vorwürfe, trotz heftiger Gegenwehr eine Erteilung ungewollter Ratschläge und das erneute wiederholte Boosterimpfen mit hochwirksamen Schuldgefühlen.

Das alles hat nun endlich ein Ende. Denn es gibt jetzt endlich ein Spiel, wo Mütter (zumindest in der Theorie) stolz auf den eigenen Sprössling sein können. Denn es gibt …

Unpacking

Welches ich gestern Abend spontan in den Warenkorb bei GOG legte, nachdem ich stundenlang andere Titel rein- und wieder rausgenommen hatte, nie wirklich glücklich mit meiner Auswahl, die in erster Linie von „Ist im Sale“ geprägt war und nicht so sehr von „Ui, das ist interessant, mal ausprobieren!“.

Unpacking ist ein Spiel über, nein, nicht das Auspacken, sondern über das Einräumen. Über das Einräumen von allerlei Gegenständen in einer leeren, frisch bezogenen Wohnung. Das Auspacken dieser Gegenstände ist zwar ein notwendiger, aber nur sehr kurzer Gameplay-Moment. Doch ich kann verstehen, dass man das Spiel so genannt hat, denn Putting Away oder Setting Up klingt nicht besonders dolle.

Und so beginne ich mit einem kleinen Raum und packe die ersten Dinge aus den Kartons, um den richtigen Platz für sie zu finden. Dabei gibt es je nach Level einen bzw. bald mehr Missionsgegenstände, die unbedingt richtig platziert und abgelegt werden müssen., um diesen Level erfolgreich abschließen zu können. Alles andere kann frei nach verfügbarem Raum verteilt werden. Poster, Bilder, Nippes, Wäsche, Schuhe, Teller usw. können wild in der ganzen Wohnung verteilt werden. Wer aber auf der Jagd nach spezifischen Achievements ist, sollte beim Einräumen ein wenig Hirnschmalz aufwenden. Was passt zusammen? Welche gesellschaftlichen Konventionen müssen erfüllt werden? X kommt zusammen mit Y in die Schublade, aber Z, das muss ganz woanders hin.

Und hier kommt dann der Teil, wo man die eigene Mutter stolz machen kann. Denn nach einem erfolgreichen Aufräumen kann man die ganze Prozedur entweder mit einem integrierten Photo-Mode dokumentieren oder einen Replay aller Vorgänge als animiertes GIF ablegen.

Schau Mama, wie ordentlich ich die Küche eingeräumt habe. Und alle Socken in eine Schublade. Und die Teller nach Farbe sortiert und so in den Schrank platziert, dass man sie leicht herausnehmen und wieder einräumen kann, ohne dabei Gefahr zu laufen die Gläser runterzuwerfen. Bist Du jetzt stolz auf mich, Mama?

Kind, das hast Du toll gemacht, aber was mit Deiner richtigen Wohnung? Sind da immer noch die Spinnweben in der Wohnzimmerecke? Und die Wäsche von letzter Woche, hängt die immer noch auf dem Ständer?

Wie man sieht, es bleibt schwierig 🙂

Doch nun zurück zur sehr viel angenehmeren Realität des Spieles.

Fragt man sich anfänglich, ob man jetzt nur irgendwelchen Kiddiekram auspackt, die Bettdecke mit Stofftieren vollpackt und sich überlegen muss, ob man ein, erm, ja, richtig, ein Tamagotchi jetzt ins Regal legt, in die Schublade oder auf den Tisch … ist das erste Zimmer auch schon erfolgreich eingeräumt und die Zahl zu Beginn des ersten Levels ergibt einen Sinn. Denn das erste Zimmer wird im Jahre 1997 bezogen und man ist ein kleines Kind, welches all den Kram hat, den Kinder damals hatten. Unter anderen ein Tamagotchi oder eine dieser unsäglichen Trollpuppen.

Das nächste Kapitel beginnt mit der Zahl 2004, das Kind ist nun ein Jugendlicher und bezieht die erste kleine Wohnung. Vielleicht eine Ausbildung, ein Studium? Einzuräumende Kunstbücher und Zeichenutensilien legen nahe, dass man wohl irgendwas mit Graphik macht, das eine oder andere Lieblingsstofftier ist aber immer noch in den Kartons zu finden. Und als ich dann plötzlich BHs in der Hand habe … ok, eine Kunststudentin. Hmm, wohin mit den BHs? Frauen gelten zwar in der Regel als Inbegriff der Ordentlichkeit, aber ich kenne das auch gaaaaaaaaaanz anders. Da hat mann beim Auspacken den BH einfach auf den Boden zur anderen Wäsche geworfen. Aber sind wir mal nicht so, alles schön in die Schublade. So wie es sich gehört.

Und so schreitet man Level um Level durch die Jahre, die Wohnungen werden größer, die Spielfigur wird älter, der Hausrat zahlreicher und stets ein wenig anders. Hat es als Teenager noch ausgereicht ein paar Jeans und T-Shirts im Schrank zu haben und mit vier Tassen auszukommen, hängt man bald sorgsam das schicke Business-Kostüm auf den Hänger und räumt das aufeinander abgestimmte Besteck- und Teller-Set in den Küchenschrank mit der transparenten Tür, denn die Gäste soll ja sehen, was man hat. Und weil sich in manchen Kartons noch so mancher Gegenstand aus vergangenen Jahren befindet, fängt ein schönes Lebensreise-Kopfkino an. Stellt man das alte Stofftier immer noch ans Kopfende des Betts? Oder stellt man es prominent in Regal? Oder versteckt man es schamhaft ganz hinten im Schrank, unfähig es wegzuwerfen? Oder *gasp* man stellt es in einen Raum, der nichts anderes als das neue (!) Kinderzimmer ist und „vererbt“ den Lieblingsteddy?

Die isometrische Optik und das klare, schnörkelfreie Art Design helfen mir dabei Gegenstände zu identifizieren und halbwegs passend wegzuräumen. Zwar habe ich keine Probleme damit einen Gamecube als solchen zu identifizieren und korrekt hinzustellen, doch weiß ich immer noch nicht, was zur Hölle das hier sein soll …

Eine Waage? Eine Tritthilfe für Menschen mit zu kurzen Beinen? Laut einem Walkthrough stellt man es in die Küche. Ok, ich räume es dort irgendwo ein, ABER WAS ZUR EFFIN HÖLLE NOCHMAL IST DAS?

Der helle Wahnsinn ist auch das Sounddesign, denn es gibt für jeden Gegenstand den dazu passenden Aufnahme- und Ablagesound. Laut Entwickler hat man etliche tausend Geräusche nicht nur im Spiel verwendet, sondern auch extra aufgenommen, weil die gängigen Soundbibliotheken nicht genug hergaben, nicht präzise genug waren. Auch dieses Element hilft bei der Identifizierung des immer umfangreicher werdenden Hausrates.

Es gibt insgesamt acht Level und damit acht Zeitperioden. Von 1997 bis 2018. Das klingt auf den ersten Blick nach nicht viel, aber weil Größe der Wohnung, die Anzahl auszupackender Kartons und der darin verpackte Besitzstand gefühlt logarithmisch ansteigt, ist man mit späteren Leveln ziemlich gut beschäftigt. Dennoch ist Unpacking natürlich kein Lebenszeitvernichter wie z.B. ein World of Warcraft. Es ist das richtige Spiel „für so zwischendurch“. Hier mal einen Karton, dort mal ein Zimmer. Kein Druck, kein „Wo ist X? Haben wir X schon ausgepackt?“ oder „Schatz, wolltest Du nicht dieses Wochenende ENDLICH die letzten Kartons ausräumen?“. Unpacking ist Therapie für Leute, die Umzüge genau deswegen hassen. Man packt aus und räumt ein. Im eigenen Tempo. Kein Stress, keine Hektik. Kein Leistungsdruck, auch wenn es Achievements gibt. Die aber genug in den Hintergrund geschoben wurden, um dafür anfällige Spieler nicht verrückt zu machen.

Ist Unpacking eine gute Vorbereitung auf einen Umzug?

Nein, nicht wirklich. Unpacking ist was für Leute, denen z.B. ein The Sims inzwischen viel zu komplex und ausufernd geworden ist, die angesichts von DLC im Gesamtwert von grob geschätzt 500 Dollar den Überblick verloren haben und die Schlichtheit früherer Serientitel herbeisehnen. Denn es gibt nur Zimmer, Kartons und Zeugs in den Kartons. Kein DLC. Alles inklusive.

Ich ertappe mich dabei ein so breites Grinsen im Gesicht zu haben, dass ich fast nicht mehr durch die Tür komme. Charmantes Gameplay, Kopfkino-tauglich und schnuckeliges Art Design. Herrlich!

Deswegen, so auf den letzten Drücker gerade doch noch gefunden:

Unpacking

Mein Spiel des Jahres 2021

13 Kommentare zu „Doch noch ein richtiges Spiel des Jahres 2021

  1. Genau, Kontaktgrill würde ich auch sagen.
    Vielleicht auch ein Titel den Du Dir mal anschauen könntest: PowerWash Simulator. Zwar „spielerisch“ etwas anders gelagert, aber drückt glaube ich die gleichen Knöpfe im Hirn 😉 Spielerisch in Anführungszeichen deshalb, weil, naja, das Spielprinzip nicht wirklich eine Herausforderung darstellt, aber muss ja auch nicht immer, oder?

  2. Ich stelle fest, das ich seit geraumer Zeit die Neigung entwickelt habe, Spiele jeglicher Art, so es die Spielmechaniken hergeben, schlichtweg zum Häuslebau-Simulator umzufunktionieren.

    Wie, was? Was soll ich in Subnautica erforschen? Ach sooo, Wrack durchforsten nach neuem Ausrüstungs- und Dekokrams für die Basis, welche zusehends dem Status einer Insel entgegenstrebt.
    Wie jetzt, welchen Timmy soll ich in The Forest retten? Ach echt, mein Char hat einen Sohn? Okay, ich würde dann nur noch schnell die künstliche Insel, die Pergola und meine Hasenfarm fertigbauen.
    Hö, ich soll irgendwen retten in Fallout 4? Ich hab da auch einen Sohn, echt jetzt? Muss mir entgangen sein, während ich meiner Basis in der Red Rocket Tanke das vierte Stockwerk, den passenden Fahrstuhl und ein zweites Schlafzimmer verpasst habe.
    Was, ich muss in Green Hell meine Freundin retten? (Himmel, das IST aber auch ein Haufen von Idioten, wer hat die vor die Tür gelassen) Okay, okay, nachdem ich meine Wasserfilter fertiggebaut und mein Haus erweitert habe.

    Und ansonsten finde ich es schon lange angenehm, wenn ich von zu viel Mikromanagement verschont bleibe. Mir schon klar, dass viele Leute das mögen, aber spätestens wenn ich für eine simple Bandage wie in NeoScavenger so an die 20 Schritte benötige (Feuerholz sammeln, Feuerstelle bauen, Feuer machen, Topf mit Wasser füllen… und alles in Unterschritte unterteilt), dann hört es bei mir auf. Erst recht, wenn das Spiel dann wie NeoScavenger so unfassbar unfair ist und alle Vorsicht und Vorbereitung nichts nützt, weil dich ein Sniper außerhalb deiner Sichtweite ohne Grund und Vorwarnung erschießt. Um an sowas Spaß zu haben muss man meiner Meinung nach schon einen tiefere masochistische Veranlagung haben.

    Da chill ich lieber beim Häuslebauen oder damit, Bahnstationen zu renovieren. Oder virtuell zu angeln. Wenn mir einer vor 20 Jahren erzählt hätte, dass ich mal vor dem Rechner sitzen und mit Freude virtuell angeln würde, hätt ich ihn wohl sehr schief angeschaut.

  3. Mein Spiel des Jahres ist wohl das neue Subnautica Below Zero gewesen. Das habe ich mit grosser Freude am entdecken durchgespielt, und bin danach schon sofort traurig gewesen, dass es im Survival Genre so richtig garnichts gibt, was auch nur mal ähnlich wie Subnautica wäre.

  4. @ Jammet Ich bin ein riesiger Fan von Subnautica und habe da zig Runs hinter mir, aber mit ‚Below Zero‘ werde ich einfach nicht warm.

    Das fängt schon mit der vermurksten, verworrenen und in Teilen schlichtweg sinnlosen Story an und geht mit den viel kleineren und flacheren Biomen weiter. Mich nervt dieses endlose Geschlurfe durch enge Korridore unter Wasser und das hektische Herumgerenne an Land, weil man Angst vor dem nächsten Schneesturm haben muss. Die Umwelt an sich ist viel uninteressanter, alleine schon diese Shrimpsdinger, die wohl den Leviathan aus dem Vorgänder ersetzen sollen, sind im Vergleich enttäuschend.

    Die Art wie die Maps und Biome aufgebaut sind nimmt jeden Überlebensdruck, irgendwo steht beispielsweise immer eine dieser Hitzeblumen (keine Ahnung, wie sich das alles korrekt auf Deutsch nennt, ich spiele das auf Englisch) herum. Zudem habe ich die Prawnsuit so gut wie nie benötigt, ich hab mir das Teil angeschafft und dann vor einem von ganzen zwei (!) vorhandenen Wracks stehen lassen – als mobiler Sauerstofftank… Zugegeben, der Truck ist interessant, aber letztlich nutzlos und das Handling der Kiste ist schlichtweg bekloppt.

    Doch was mich am meisten nervt, ist die Protagonistin. Ich fand es nach Subnautica mit seinem stummen Protagonisten sehr mutig, jetzt eine sprechende Protagonistin zu finden. Sowas kann wirklich gut funktionieren, Halo: Infinite zum Beispiel hat mich in dieser Hinsicht und nach all den Spielen mit einem stummen Master Chief komplett überzeugt, aber hier ist das gründlich in die Hose gegangen. Mich hat haben all die pseudo-coolen, pseudo-witzigen Sprüche irgendwann nur noch genervt.

    Und was am allerschlimmsten ist, dass es sich bei Robin im Grunde um einen ‚weiß alles, kann alles, ist durch nichts zu beeindrucken‘-Charakter vom Schlag einer Rey aus den letzten Star Wars Filmen handelt, die noch nicht einmal eine wirkliche Motivation hat, sich überhaupt in diese Situation zu begeben. Und wenn es sich um ein /Survivalspiel/ handelt, dir die Protagonistin im Verlauf des Spiels aber erklärt, och, ist ja voll langweilig, damals auf Planet X, DAS war Survival, aber das hier ist ein Spaziergang, dann haben die Autoren ein paar grundlegende Dinge nicht verstanden.

    Alles in allem ist Below Zero kein schlechtes Spiel, im Vergleich zum Vorgänger allerdings war es für mich eine riesige Enttäuschung in nahezu jeder Hinsicht.

  5. @ Jammet II – Glatt vergessen, schonmal einen Blick auf ‚The Forest‘ geworfen? Und ich habe das Spiel noch nicht einmal im Ansatz durch, aber mit ‚Green Hell‘, auch wenn es für meine Verhältnisse knüppelhart ist, habe ich auch viel Spaß. ‚Raft‘ fand ich auch ganz okay, hat zwar nicht die, Wortspiel nicht beabsichtigt, Tiefe von Subnautica, ist aber ganz interessant.

    Und dann wäre da noch ‚Breathedge‘. Falls schräger Humor dein Ding ist, kann ich das nur aus vollstem Herzen empfehlen. Auch wenn das Spiel so seine ungeschliffenen Ecken und Kanten hat, mir ist schon lange kein so charmantes Spiel untergekommen. Wo sonst hat man ein unsterbliches Huhn, das man als Multitool verwenden kann?

  6. @Alien: „… wer hat die vor die Tür gelassen?“… Ibreaktogether… XD

    … gerne weiter solche Highlights *Tränenausdenaugenwisch*

  7. Super Beitrag. 😀 Ich hasse umziehen und aufräumen, aber der Kauf juckt doch ein wenig in den Fingern…
    Ich glaub übrigens, das gesuchte Geräte ist nicht nur irgendein Gerät, sondern in der Tat die berühmte „Tracy Jordan Meatmachine“:

    (Ich hab es erst als Witz gesucht, aber das Ding hat tatsächlich eine hohe Ähnlichkeit…)

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