Stardew Valley – Ein Experiment

Schaue ich auf die Bestandslisten meiner Software-Gruft, so stelle ich fest, dass sich hier jede Menge voll arg schrecklich-aggressive Baller-Schnetzel- Metzel-Totklick-Spiele finden lassen, wo es in verschiedenen Settings, Perspektiven und Gameplay-Mechaniken nur darum geht bunte Pixelhaufen vom Status Aktiv in den Status Inaktiv zu versetzen. RPG, RTS, Rundentaktik, Shooter. Klassische Genres, vertrautes Gelände. Viel Muskelerinnerung beim Bewegen im virtuellen Raum, Ziehen von Auswahlrahmen und/oder Drücken von Keyboard-Shortcuts. Dass gerade gutes Ballern durchaus therapeutische Wirkung haben kann, das will ich gar nicht leugnen. Und das eine knackig-schwere, aber dennoch halbwegs faire Mission beim Trainieren von Problemlösungsfindungen nicht ganz unhilfreich sein kann, ja, keine Frage!

Aber ich bin gerade an einen Punkt, wo mich Spiele mit dieser ganz spezifischen Zustandsänderung nicht mehr so wirklich motivieren können. Meh! statt Yay! heisst es nun. Wobei das keine grundsätzliche Ablehnung, keine umfassende, mentale Pazifizierung meines Hobbies ist. Nicht Blärgh!. Sondern eben nur Meh!. Temporär, für ne Weile. Luftwechsel. Tapetenwechsel. Etwas anders machen, um das Vertraute danach wieder besser schätzen zu können. So wie der erholende Effekt eines Urlaubs nämlich NACH dem Urlaub einsetzt.

Ich habe nicht viel in diesen meinen Listen gefunden, was mir bei der Wiederentdeckung der Leichtigkeit gepflegter Zustandsänderungen bunter Pixelhaufen weiterhelfen könnte.

Hmm, No Mans Sky? Gab ja wieder haufenweise neue Content-Patches. Vielleicht wieder stundenlang schön gepflegt rumfliegen, Ressourcen sammeln, Basen bauen, dabei Sentinels, Storyline und Gedöns geflissentlich ignorierend? Gibt da nur ein Problem: Ich habe immer noch keine neue SSD und die bisherige Festplatte ist seit dem Synthesis-Update schon lange nicht mehr schnell genug, um den Datenhunger der mit am schlechtesten optimierten Landscape-Rendering-Engine der Videospielgeschichte stillen zu können.

Ok, Dorfromantik hat die Early Access-Phase verlassen. Da hat man es tatsächlich geschafft ein bereits sehr gutes Spiel noch besser zu machen. Vor allem die vielen kleinen UI-Polituren tun dem Spiel enorm gut. Wobei das vorher alles andere als schlecht war. Bitte nicht missverstehen. Nur jetzt ist es eben NOCH besser! Aber ich habe mich letztes Jahr daran ziemlich sattgespielt. Immer noch gut für ein paar Minuten, wenn man gelangweilt in der Videokonferenz sitzt und sich wach und geistig fit halten möchte. Doch „ein paar Minuten“ sind nicht sonderlich befriedigend.

Was noch, was habe ich noch?

Banished? Ok, installiert und … schon im Tutorial eingeschlafen. Aber das müsste mir doch gefallen, nicht? Egal …

Terraria? Ist zwar sehr charmant und das Herumgraben in der Erde und das Ausbauen der ersten Hütte zu einem ausgewachsenen Wohn- und Fabrikationskomplex ist zwar toll, aber ich will momentan nicht ständig kämpfen müssen, sobald die Nacht anbricht. Dann kann ich auch gleich weiter geniale Doom-TCs wie Ashes 2063 spielen. Was ich derzeit auch tue, wenn mir nach Ballern zumute ist.

Factorio? Hell no! Nicht weil das ein schlechtes Spiel ist, ganz im Gegenteil, sondern weil ich aus Selbstschutzgründen weiten Abstand halten muss. Denn da KANN ich die Biter abschalten und mir dann sorgen- und aggressionsfrei die ganze Nacht beim Basteln und Optimieren von Förder- und Produktionsanlagen um die Ohren schlagen. So geil! Ehrlich, ohne Shice! Und doch so abträglich für meine geistige und körperliche Gesundheit.

Und als ich so rat- und ziellos vor mich hin grübelte, trudelte mir Werbung ins Postfach. Der Newsletter von GOG. Wo man mir ein janz dolles Sonderangebot vorschlug. Angeblich der bis dato niedrigste Preis für … Stardew Valley? Wo es, wie ich nach kurzer Recherche herausfand, zwar diverse Monster geben soll, man diese aber nach Abschluss einer spezifischen Quest nach Belieben ein- und ausschalten kann.

Hmm, ok. Entspannt Kartoffeln anbauen, Hühner melken und Schokoladeneier aus den Kuhnestern sammeln. Jäten, gießen, roden, ernten. Beziehungen pflegen, Freundschaften pflegen, heiraten und den Mining-Skill aufleveln, wenn man lange genug Felsen und Steine klein geklopft hat. Das klingt doch … vielversprechend?

Einige Stunden Spielzeit später und ich bin ein richtiger Ground Fruit Specialist aka Bauer geworden. Meine Kartoffeln sind die größten im ganzen Tal! Meinen knuddligen Lämmern wird es sehr gut gehen, sobald ich welche kaufen und züchten kann (weil ich ohne einen zusätzlichen Mod gar nicht erst in die Versuchung kommen kann sie eventuell zu schlachten. Stardew Valley Vanilla ist vegetarisch!). Großartig Beziehungen habe ich noch nicht geknüpft, weil ich die Farm zuerst aufbauen will, bevor ich den anderen Talbewohnern auf den virtuellen Sack gehe. Spezielle Rezepte und Baupläne, die man wohl nur dann bekommt, wenn man bei bestimmten Personen einen bestimmten Beziehungsstatus erreicht hat, fehlen mir derzeit nicht. Monstern bin ich meist aus dem Weg gegangen. Ich will nicht kämpfen, sondern Perserteppiche im Hühnerstall auslegen können und reichster Kulak der Gegend werden.

Das schöne an Stardew Valley ist, dass man die Freiheit hat nach Lust und Laune vorzugehen. Ich muss nicht bestimmte Quests in bestimmter Reihenfolge abarbeiten, um mir etwas aufbauen zu können. Es reicht völlig, eine Weile nur Radieschen anzupflanzen, morgens einmal zu gießen, den Rest des Tages gemütlich was Angeln, vielleicht ein neue Ecke des Farmgeländes ausmisten und roden, vielleicht im Pub was trinken (oder auch nicht, weil Essen/Trinken nur dann erforderlich sind, wenn man Gesundheit und Energie auffrischen muss und keinen Zugriff auf das eigene Bett hat). Dann wird es dunkel, man geht nach Hause, legt sich ins Bett, das Spiel wird gespeichert und ein neuer Tag beginnt.

Das ist dann auch das einzige, was ich aktuell an Stardew Valley kritisieren könnte. Dass nur dann gespeichert wird, wenn man sich ins Bett legt. Ob das anfängt nervig zu werden, wenn man irgendwo draussen in der Wildnis unterwegs ist und der Zufall es will, dass man diesen einen, ganz besonderen Fund leider wieder verliert, wenn man im Behandlungszimmer des kleinen Krankenhauses wieder aufwacht? Oder man erst langwierig zur Farm zurückkehren muss, um den aktuellen Stand speichern zu können, während das echte Leben drängelnd an der echten Haustür steht und ungeduldig auf die Uhr deutet? Ich weiß es nicht. Wird sich herausstellen, wenn es soweit ist.

Aber ich habe gerade ganz ausdrücklich viel entspannten Spaß. Es entsteht nirgendwo Leistungsdruck. Es gibt zwar ein paar RPG-Mechaniken, aber kein Ranking und auch kein Loot/Item-Wahn. Niemand zwingt mich zu irgendwas. Wenn ich damit zufrieden bin jeden Morgen aufzustehen, ein kleines Beet zu wässern, nach einer Weile zu ernten und die Ernte entweder selbst zu verfuttern/für ein Rezept zu verarbeiten oder zu verkaufen … das ist ganz alleine meine Sache. Das Spiel „bestraft“ mich nicht wirklich. Man kann hier nicht „verlieren“, weil es im Grunde auch nichts zu gewinnen gibt. Man lebt einfach zufrieden vor sich hin. Und züchtet die größten Kartoffeln im Tal, jawoll! Was keine Auswirkungen auf gar nichts hat, weil ich mir die Kartoffelgröße lediglich ausdenke.

Feines Spiel.

Das Experiment verläuft derzeit sehr zufriedenstellend.

4 Kommentare zu „Stardew Valley – Ein Experiment

  1. Ich spiele seit 2 Wochen wieder Stardew Valley. Irgendwann war nach 40 Spielstunden das Interesse eingeschlafen.
    Jetzt bin ich mit einem neuen Charakter neu gestartet…und bin wieder gefesselt.
    Mittags Stardew Valley, Abends Elden Ring 🙂 Anders herum wäre besser, da ich nach Elden Ring immer etwas Zeit brauche um runterzukommen. DU BIST GESTORBEN 🤬.
    Aber was soll‘s.
    Stardew Valley kann einen ganz schön einsaugen. Nur noch einen Tag, und schwupp, ist es 1 Uhr nachts.
    Zum Glück habe ich gerade frei 🙄

  2. Oh, danke! Nachdem ich schon das Minigame beim Angeln weggemoddet habe … 🙂

  3. Wäre auch mal wieder Zeit das ich es runterlade, nachdem ich über 60 Stunden in Cyberpunk 2077 versenkt hab 🙂

    Und es gibt ne Traktor Mod, YAY!

    Was mich an Stardew Valley am meisten fasziniert ist eigentlich das das 1 Typ komplett alleine gebaut hat! Inzwischen hat er glaube ich ein kleines Team das hilft, aber die Releaseversion war komplett von ihm, inklusive Musik!

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